London Calling 04

London Calling

By plusquamperfekt ©

Vierter Teil – Prinzen und andere Märchengestalten


Der Sänger von Ricks Band hatte irgendwo ein Auto geliehen, mit dem wir unseren Umzug bestritten. Mit all unserem Krempel vollgepackt, machten wir uns auf den Weg in unser neues Zuhause. Die Katzen würden wir erst in der letzten Tour mitnehmen. Nicht nur für sie würde es eine ganz hübsche Umgewöhnung sein.

Die letzten Wochen in dem Haus in Stamford Hill waren wie im Traum vergangen. Die ersten zwei Tage nach meiner Trennung von Shirley gingen wir uns, so gut es irgend ging, aus dem Weg. Trotzdem begegneten wir uns ein paarmal. Sie sah blass und krank aus. Und ich hatte das angerichtet. Genau das konnte ich nicht ertragen. Es war zu viel.

Am dritten Tag rief ich an und meldete mich krank. Ich ging zum Arzt und schenkte ihm reinen Wein ein, sagte ihm, dass ich aus emotionalen Gründen gerade arbeitsunfähig wäre und ihm nicht was vormachen wollte. Er honorierte meine Ehrlichkeit mit einer zweiwöchigen Krankschreibung. In diesen Tagen wäre ich wirklich nicht fähig gewesen, zu arbeiten. Ich saß stundenlang apathisch rum, ohne irgendetwas zu tun.

Sara half mir, so gut sie konnte, aus meinen dunklen Stunden heraus. Eine Nacht übernachtete sie sogar in meinem Bett, wie sie es früher ja schon öfter getan hatte. Wir kuschelten und hielten Händchen, mehr war auch diesmal nicht. Sie fand es aber richtig, dass ich nicht mit Shirley zusammenziehen wollte und mir die Beziehung aus den Fingern gleiten ließ. Zumal ich sie ja nicht liebte. Dass mir in diesen Momenten wieder überdeutlich bewusst wurde, wen ich liebte, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.

Kurz vor Ablauf der zwei Wochen meldete ich mich im College, bat um ein Gespräch mit der Managerin eine Stufe über Shirley und gab bekannt, dass ich das College beenden möchte. Sie war alles andere als begeistert, aber hatte scheinbar von meiner Affäre mit Shirley gehört, denn sie meinte:

„Beruflich machst du gerade einen riesigen Fehler. Du brauchst doch nur noch zwei Prüfungen abzulegen und dann hast du den erweiterten Abschluss. Wir können gern das Praktikum beenden und du konzentrierst dich nur noch auf die Prüfungen. Menschlich kann ich dich natürlich schon verstehen und respektiere deine Entscheidung, wie auch immer sie ausfallen wird.“

Ich konnte mir nicht mal mehr einen weiteren Tag dort vorstellen. Sie versprach, mit dem Job Centre zu reden, damit ich da nicht noch Ärger bekam und wünschte mir alles Gute. Als ich ihr Büro verließ war ich schon einigermaßen erleichtert. Dann traf ich Shirley auf dem Flur. Überraschend hielt sie an.

„Tom … geht es dir wieder besser?“

„Nicht wirklich. Wie geht es dir?“

„Es geht so. Ich hab mir schreckliche Sorgen um dich gemacht. Warst du bei Fran?“

„Ja. Ich höre hier auf. Es ist schön, dass ich dir wenigstens noch Tschüss sagen kann. Es tut mir leid, Shirley. Ich wollte dir nicht weh tun.“

Sie hielt nur mühsam ihre Tränen zurück, das merkte ich genau. Aber sie versuchte, die Tapfere zu spielen.

„Keine Prinzessin, die dich aus deinem Verlies befreit“, meinte sie mit Anspielung auf ein früheres Gespräch.

„Nein … aber eine wunderbare Frau, die Besseres als mich verdient hat.“

„Sag das nicht … ich …“

Der Rest ging in einem langen Tränenschwall unter, während ich sie in meinen Armen hielt, von den neugierigen und anteilnehmenden Augen der Umstehenden verfolgt. Ich küsste sie noch zärtlich auf die Stirn und sagte mein Good-Bye.

***

Wir schafften unsere Siebensachen in das neue Haus und fuhren dann zurück, um die nächste Ladung zu holen. Sara würde im neuen Haus bleiben, während wir nach dem Einladen mit den Renovierungsarbeiten begannen. Es war verblüffend viel nach dem einen Jahr an Dreck und kleinen Schäden zu beseitigen, irgendwie fast eine Zusammenfassung meiner persönlichen Geschichte.

Dabei hatten wir weder wilde Partys gefeiert, noch waren wir besonders unachtsam gewesen. Irgendeine Vase war mal zu Bruch gegangen, für die vierzig Pfund von unserer Mietkaution einbehalten wurden. Die Schäden, die wir nicht wegbekamen, wie Kratzspuren an den Holztüren von unseren krallengewaltigen Katzen , übersahen sie entweder oder waren insgesamt einfach froh, das Haus nicht in Schutt und Asche vorzufinden. Auf jeden Fall kriegten wir den Rest zurück.

Dores war bei unserer Besichtigung nicht anwesend gewesen und hatte damit die Zimmerzuteilung verpasst. Sie bekam das kleinste aller Zimmer rechts neben meinem, links davon hatte Sara ihr Zimmer und am Ende des Ganges war Giannas Reich. Die anderen beiden Männer wohnten im Erdgeschoss. Es gab einen großen Empfangsbereich, wo wir die wenigen Sitzmöbel, die wir vorfanden, hintrugen. Das sollte so etwas wie ein Gemeinschaftsbereich werden. Das Leben sollte sich aber später vornehmlich in der riesigen Küche des Hauses abspielen.

Es gab zwei Badezimmer, eins mit Dusche unten und oben bei uns eins mit Badewanne. Über unseren Zimmern war riesiger Dachboden und davor ein Flachdach, auf dem man sich sonnen konnte. Wir hatten ein kleines Stück Garten hinter und ein deutlich größeres vor dem Haus. Wir machten kurz nach dem Einzug dort mal klar Schiff, aber danach fühlte sich keiner mehr zum Gärtner berufen.

Dores war ja nun die einzige im Bunde, die wir alle nicht wirklich kannten und am Anfang war das auch nicht leicht zu ändern, denn sie wirkte zunächst etwas angepisst, weil wir ihr das kleinste Zimmer verpasst hatten, obwohl Saras wenn, dann nur unwesentlich größer war. Ich glaube, Sara bot ihr an zu tauschen, aber das wollte sie dann auch nicht. Sie wirkte zunächst recht verschlossen und unnahbar. Ich war mit meinem Zimmer sehr zufrieden. Es war riesig. Es standen zwei Einzelbetten drin, die ich behielt, denn Sara hatte mir etwas vermittelt.

Ein Freund von ihr aus Italien war Fernfahrer und fuhr regelmäßig nach England. Alle zwei Wochen wollte er einen oder zwei Tage übernachten, dafür bot er mir achtzig Pfund im Monat an. Er war ein netter Kerl, also nahm ich an. An Wochenenden war ich eh meist auf Achse.

Er kam dann tatsächlich mal ein Wochenende, aber nachdem er von uns aus weitergefahren war, hatte er auf der Autobahn vor Liverpool einen Sekundenschlaf. Bei dem daraus resultierenden Unfall kam eine Frau ums Leben. Seine Lizenz in England LKW zu fahren wurde entzogen und er hatte später noch ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung am Hals.

Das war natürlich auch für uns ein ganz hübscher Schock. Wie musste das erst für ihn sein? Ich hing schon in den Seilen, weil ich einer absolut liebenswerten jungen Frau böse weh getan hatte und er musste nun damit leben, einen Menschen getötet zu haben. Aber irgendwie kriegten wir es gerade alle fett eingeschenkt.

Bill kam uns nun, da wir wieder auf der hoffähigen Landkarte wohnten, oft besuchen. Er war eigenartig energiegeladen und erzählte mir von seinem neuen Projekt. Er wollte das Leben seines verstorbenen Geliebten, der ein bekannter Schriftsteller gewesen war, auf die Bühne bringen. Das Schriftstellerleben war aber seine Zweitbeschäftigung, hauptberuflich war er beim MI5, also den britischen Geheimdienst, als kalter Krieger beschäftigt gewesen.

Bill hatte all seine Werke geerbt, eine Wohnung und recht viel Geld, aber seine Tagebücher waren aus irgendwelchen Gründen bei der Schwester des Toten verblieben, obwohl auch sie in Bills Erbteil fielen. Bill wollte sie für das Stück ausschlachten, aber die Frau weigerte sich, sie herauszugeben. Als er insistierte und schließlich mit dem Anwalt drohte, gab es einen Einbruch und die Teile waren verschwunden. So sagte es die Schwester jedenfalls.

Schriftsteller, die wie er völlig in ihrem Werk aufgingen, wenn sie damit beschäftigt waren, haben diese eigenartige Tendenz, in alles und jedem Verbindungen zu sehen und Geschichten darum zu spinnen. Mit den involvierten Elementen, wie Scham der Familie über die Homosexualität des Verstorbenen, der Geheimdiensttätigkeit und diesem ominösen Einbruch und Diebstahl ließen sich natürlich unendlich viele Geschichten ausspinnen. Das Problem war nur, dass Bill sie alle für wahr hielt.

Er fühlte sich verfolgt, beobachtet, kam jeden zweiten Tag mit einer neuen Version einer Verschwörungstheorie zurück. So wie er seine Stücke ständig bearbeitete, bearbeitete er nun die Realität. Er kokste zu allem Überfluss auch noch.

Er verschwand dann für eine Weile in einem Kloster, um zur Ruhe zu kommen. Von seiner Paranoia heilte ihn das jedoch nicht, im Gegenteil. Er entdeckte selbst dort potentielle Mittäter und Mitwisser. Bevor wir irgendwie eingreifen konnten, hatte er sich wieder aus dem Staub gemacht, war mit voller Absicht spurlos verschwunden und verbrachte ein paar Monate bei einer Freundin in Cornwall, wo er sich sicher fühlte und dann auch wieder runterkam.

Seine Besuche waren aber für mich eine Initialzündung auch wieder mit dem Schreiben anzufangen. Ich besorgte mir ein Schachprogramm und grübelte über Partienverläufe nach, die die Handlung emulieren sollten und arbeitete gedanklich an meinen Protagonisten. Die Freudianerin würde Züge von Chris erhalten, an die ich jetzt auch wieder öfter dachte. Sie wohnte nur zwei Straßen weiter, in diesem Teil der Stadt weit genug, dass es unwahrscheinlich war, sich oft über den Weg zu laufen. An manchen Tagen wünschte ich es mir aber fast.

Saras Geburtstag stand vor der Tür und ich war ziemlich pleite. Am Abend vor ihrem Geburtstag hatte ich eine Idee für eine Geschichte. Sie liebte Märchen. Also schrieb ich ihr eine Geschichte mit einem armen Burschen, der lernen will, einen Zauberring herzustellen um eine schöne Prinzessin zu bekommen, und dabei an eine Art Zen-Zaubermeister gerät. Die Geschichte war recht humorvoll und ihre den Tränen nahe Freude war jede Stunde der Nacht, die ich mir damit um die Ohren gehauen hatte, wert.

Die Zen-Verbindung wurde mir erst von einem späteren Leser aufgezeigt. Ich schrieb später noch einige Geschichten in dieser Art und eine davon erschien dann auch in einer Sammlung; die für Sara nämlich.

Ich schrieb die ersten Zeilen meines Bühnenstücks. Geplant war eine Hauptgeschichte, auf die sich Schachpartie und die Freudianerin bezogen und ein Nebenkriegsschauplatz, wo der Protagonist mit der Frau, die er liebt, in einem Zimmer lebte. Ich glaube, mehr brauche ich zu der Herkunft dieser Sequenz nicht zu sagen.

Bills Abdreherei hätte mir eigentlich Warnung genug sein sollen. An einer Geschichte zu schreiben, während man sie lebt, war keine gute Idee, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Als Modell für mein Drama gab es auch noch Anschauungsunterricht, der nicht mich involvierte, sondern diesmal Rick.
Rick und Sara kamen sich wieder näher, mit Übernachtungen und Händchenhalten. Gleichzeitig lernte sie jemanden im Falcon kennen, in den wir nun nach langer Abstinenz wieder zurückkehrten. Sie schien marginal verliebt und erzählte ihm das auch noch. Mir auch. Ich zuckte mit den Schultern. Er ging ab. Was er in Stamford Hill schon im Kleinen mal geprobt hatte, ging jetzt mit echten Konsequenzen über die Bühne.

Es gab ein dreistündiges Streitgespräch, von dem jeder im Haus unfreiwilliger Zeuge wurde. Danach verschwand Rick zu seinem Bruder. Er suchte sich mit Ian zusammen eine neue Wohnung. Drei Monate nach unserem Einzug zogen beide wieder aus. Wir fanden sofort Nachmieter. Keylam und Matthew, die sich praktischerweise gerade mit Bob überworfen hatten, der auch am abgehen war.

Scheiß Alkohol. Er hatte ein echtes Problem und er wusste das auch. Später würde er mir erzählen, dass ihm Chris genau das auf den Kopf zugesagt hatte und ihm prophezeite, dass er sich zu Tode saufen würde, wenn er nicht aufhörte. Er wachte auf, aber erst einmal ging dieses Erwachen nach hinten los. Die Atmosphäre im Haus war das Opfer. Mit Keylam gab es ohnehin öfter brüderliche Konflikte. Er überspannte den Bogen und schlug Keylam, der sich nur verbal wehrte, zusammen. Danach ging er in Therapie.

Mit anderen Worten, um mich herum brach alles zusammen und ordnete sich neu. Ich wurde ein stummer Zeuge, ein Einsiedler, der auf seinem Zimmer in anderen Welten lebte, der meines Theaterstücks und der anderen Geschichten, die ich zu dieser Zeit schrieb. Ich nahm alles um mich herum nur zur Kenntnis. Es war schließlich Gianna, die mich daran erinnerte, dass ich vielleicht doch auch mal wieder ein eigenes Leben führen sollte.

Seit der Geschichte mit Shirley hatte ich nicht mal mehr an Sex gedacht. Das war nun fünf Monate her, es war Ende September.

An einem sonnigen, aber kühlen Tag machte ich einen langen Spaziergang in Hampstead Heath, das war ein Park circa eine halbe Stunde Fußmarsch von unserem Haus entfernt, in dem ich nun viel Zeit verbrachte. Ich wanderte über einen kleinen Hügel, der mit rotem Laub übersät war, tiefrote Blätter, so etwas hatte ich in dieser starken Färbung noch nie gesehen.

Etwas Eigenartiges geschah. Während ich auf die Muster starrte, die der Wind in die Blätter zeichnete, löste sich alles auf. Für einen Moment überwand ich die Grenzen meines Körpers, hatte ich einen Moment absoluter Klarheit, das Gefühl alles zu sein. Nur einige überwältigende Augenblicke lang. Dann kehrte alles in die gewohnte Realität zurück.

Es war das zweite Mal, dass ich so etwas erlebte. Das erste Mal war vor mehr als zehn Jahren an einem perfekten Sommertag bei einem Spaziergang an einem Fluss gewesen. Inzwischen war der Kommentar, bei meiner Geschichte würde es sich um ein „Zen-Märchen“ handeln, gefallen.

Ich nahm dies zum Anlass, mich wieder mit Zen zu beschäftigen. Das hatte ich schon kurz vor meiner Ehe getan. Wie dem auch sei, auch dies trug dazu bei, dass ich keinerlei Lust oder überhaupt sexuelle Regungen verspürte. Ich hatte mich perfekt abstrahiert.

***

Dann kam Gianna und schleppte mich mit in einen Pub, in dem vornehmlich Schwule, Lesben und Bisexuelle verkehrten. Hier insbesondere Pärchen. Da wir zusammen dort eintrafen, wurden wir auch für ein solches gehalten und nach einer Stunde kamen dann prompt auch die ersten Interessemeldungen.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, von einem Mann ausgecheckt zu werden. In den Genuss kam ich dort reichlich. Mir fiel Shawn ein. Irgendwie konnte ich es mir aber noch nicht richtig vorstellen. Ich sah mir trotzdem das Paar an, das Gianna angesprochen hatte. Sie sah okay aus, er war ziemlich massig und blond und überhaupt nicht mein Typ. Nein. Ich lehnte ab. Ich fand es aber schon witzig, dass Gianna da mir die Entscheidung überließ.

Ich hatte von Bill etwas Kokain bekommen, beziehungsweise hatte es ihm vorsorglich mit seinem Einverständnis abgenommen, als er so am Abfahren war. Seitdem ruhte es unberührt in meiner Brieftasche. Ich war Gianna so dankbar, dass sie mich mitgeschleppt hatte, dass ich sie auf eine Nase einlud. Wir gingen beide einzeln aufs Klo, damit es nicht so auffiel. Mit dem typischen verkoksten Grinsen und Giannas Versicherung, dass ich heute flach gelegt würde und wenn es nur wir beide wären, schwebte ich wieder in die ohnehin schon recht erotisch geladene Menschenmenge.

Eine ziemlich besoffene Engländerin erwies sich als sehr anhänglich.

„Ist das deine Freundin oder Frau?“

„Nein, wir wohnen zusammen in einem Haus.“

„Aber ihr habt schon miteinander gefickt?“

„Nein, bislang noch nicht.“

„Wieso das denn nicht?“

Gianna lachte schallend los, als ich sie hilfesuchend anstarrte. Sie hatte das Gespräch ja auch nicht überhören können. Sie begrüßte die Betrunkene mit schräggelegtem Kopf. Diese fing trotzdem sofort an zu baggern.

„Hi, Schatz. Ich bin Dawn. Ich hab dich schon die ganze Zeit angeschaut. Du bist eine echte Schönheit. Bist du Südländerin? Ach Italienerin? Ihr sollt ja richtig Feuer haben hör ich. Das würde ich gern mal erleben.“

Gianna grinste bis über beide Ohren und ließ sich von der Frau erst einmal einen Drink spendieren. Na, da funkte es doch richtig. War ja schön anzusehen, aber so viel zu meinem „heute wirst du flachgelegt“.

Wenig später kam Dawn zurück.

„Gianna unterhält sich mit Freunden. Sie ist unglaublich. Ich bin so geil auf sie, das kannst du dir überhaupt nicht vorstellen. Warum hast du sie denn noch nicht gefickt? Bist du schwul?“

„Nein. Findest du es normal, Mitbewohner zu ficken?“

„Ja, wenn die so aussehen, na klar.“

Die war ja lustig. Na, ich musste ja reden. Julie fiel mir plötzlich ein. Und wenn Sara mich ranlassen würde … aber Sara war halt ganz was anderes.

„Ich mag auch Männer“, fing sie unvermittelt an. „Aber richtige Männer, nicht solche Schwuchteln, wie die meisten hier. Männer wie dich. Wenn du nachher mitmachen willst, ist das okay. Du wärst bescheuert, wenn du’s nicht tätest. Ich ficke gut. Und ich bin mir sicher, dass sie das auch tut. Was sagst du?“

„Na, fragen wir doch erst mal Gianna, was sie über die ganze Sache denkt.“

„Aber für dich wär’s okay?“

„Das kann man so sagen.“

Sie strahlte zufrieden. Die Gute war ganz schön vorne, aber ihre sexuellen Interessen zu vertreten kriegte sie immer noch sauber hin, ohne Lallen oder Aussetzer. Nun warteten wir beide ein wenig ungeduldig auf Giannas Rückkehr. Sie war bester Laune, was sicher auch an dem exzellenten Koks lag, das Bill uns da zur Verfügung gestellt hatte. Das war wirklich vom Feinsten. Dawn konfrontierte sie sofort mit ihrem Plan.

„Tom hat ja gesagt? Okay, dann sag ich nicht nein. Lass uns los. Es sind nur zwanzig Minuten Fußmarsch von hier.“

„Zwanzig Minuten? Bist du bescheuert? Wir nehmen ein Taxi. Ich zahl es auch, wenn ihr zwei pleite seid“, protestierte Dawn.

„Nein, das wird dir guttun. Du bist mir eigentlich viel zu besoffen, um dich zu ficken, wenn du verstehst, was ich meine? Nimm’s mir nicht übel, aber ein wenig Ausnüchterung kannst du schon vertragen. Wir gehen zu Fuß.“

Dawn hakte sich kleinlaut grummelnd bei uns ein. Wir würden am Ende mehr als eine halbe Stunde brauchen. Die letzten fünfzig Meter schaffte sie dann sogar allein. Also hatte der Marsch schon etwas gebracht. Wir gingen auf Giannas Zimmer. Ich baute zum Auftakt einen. Dawn räkelte sich auf dem Bett und zog schon mal ihre Hose aus. Gianna grinste mich an, als Dawn dann auf dem Rücken liegend ihr Becken hob und senkte.

„Da scheint es jemand ja wirklich nötig zu haben“, bemerkte ich.

„Ich hoffe nur, dass sie uns nicht dabei kotzt. Hey, musst du kotzen, Dawn? Vielleicht lieber nicht mitrauchen?“

Dann gab sie ihr aber doch den Spliff. Dawn schien ihr Redepulver für den Abend verschossen zu haben, oder wollte nur noch Körper sprechen hören. Sie sah nicht schlecht aus, nicht so gertenschlank wie sonst hier fast der Durchschnitt war, hatte aber eine sehr frauliche und erotische Ausstrahlung. Dazu hatte zuvor auch noch ihre rauchige Stimme beigetragen. Jetzt waren Laute ihr wohl nur noch auf andere Art und Weise zu entlocken.

Ich war aber eigentlich viel mehr auf Gianna gespannt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, sie als Freundin und Mitbewohnerin anzubaggern. Sie war mir vom Typ her recht ähnlich, was sie auf unser gleiches Sternzeichen schob. Ich hatte schon das Gefühl, dass sie einige Grade härter drauf war, als ich. Aber in vielen Dingen lagen wir auf einer Wellenlänge.

Während Dawn wieder mit ihrem Becken winkte, gab ich Gianna erst den letzten Zug am Spliff und küsste sie dann, während sie die Luft anhielt, um den Rauch drinnen zu behalten. Sie konnte richtig gut küssen. Mir wurde heiß und kalt.
Sie pustete den Rest in meinen Mund. Wir lösten uns und ich half ihr, ihr T-Shirt auszuziehen. Dawn rappelte sich überraschend auf und zog an zerrte an meinem Sweatshirt. Als das nicht so ohne weiteres gelang, kam sie zu dem Schluss, dass es besser wäre, erst mal Gianna an die Titten zu packen, die diese gerade freigelegt hatte.

Sie wirkte doch recht unkoordiniert, aber sie war richtig geil. Sie würde keine Ruhe geben, bevor wir sie beide durchgezogen hatten. Gianna wehrte sich lachend ihrer ungestümen Attacken, ließ sich aber beim Ausziehen ihrer Jeans doch von ihr unterstützen. Auch ich legte schnell alles ab, was abzulegen war. Gianna leckte sich genüßlich die Lippen, als sie mich in voller Pracht erlebte. Selbst Dawn gelang es sich bis auf ihr Body auszuziehen.

„Wir sollten uns erst unserer kleinen englischen Freundin hier widmen“, schlug Gianna vor.

„Ja, fickt mich“, vernahmen wir vergnügt Dawns erste Worte seit dem Pub.

Gianna ließ sich nicht zweimal bitten. Sie öffnete die Druckknöpfe an dem Body und legte Dawns Pussy frei. Auch ihre Titten befreite sie, indem sie den Body in der Mitte runter und etwas zusammenzog. Sie hatte schöne Brüste mit sehr breiten Vorhöfen, auf denen die steil aufragenden kleinen Nippel etwas verloren wirkten. Diese ging Gianna sofort an, leckte und saugte, dass es eine wahre Freude zum Anschauen war.

Gleichzeitig ging sie mit ihrer Hand auf Dawns Muschi los. Ich baute mich hinter Gianna auf und zog ihr Höschen runter. Sie hatte einen wirklich knackigen Arsch und sich ihre Muschi nur an entscheidenden Stellen rasiert, darüber residierte ein sehr kultiviert wirkender Zierstreifen aus Haar, sehr schmal, ihre ohnehin aufregende Mumu noch akzentuierend.

Sie half mir, als ich das Teil bis zu ihren Knien bewegt hatte, obwohl sie sich nun bereits auf Dawns Pussy konzentrierte. So, wie Gianna da gerade zur Sache ging, kreiert man selbst in eher eingefleischten Männern wir mir den Wunsch, einen solchen Körperteil im Angebot zu haben. Dawn schien nicht weniger beeindruckt, keuchte, entließ kleine, gequälte Laute, die mich an das Winseln junger Hunde erinnerten. Sie wurde immer lauter.

Ich war ja aber schließlich nicht zum Zuschauen da. Also begann ich Giannas Luxuskörper streichelnd und küssend für ihren selbstlosen Einsatz an der Dawn-Front zu belohnen. Es gibt Frauenkörper, die sehen optisch gar nicht so perfekt aus, aber wenn man mit den Händen sieht, entpuppt sich ihre ganze Schönheit. Giannas Bögen und Mulden waren atemberaubend. Meine Hände setzten ihre Liebkosungen ungebrochen fort, während ich mit meiner Zunge und meinem Gesicht ihren Hintern beglückte. Sie hielt sogar kurz an, um den Umstand, dass ich an ihrem Arschloch züngelte, mit zunächst italienisch, dann englisch vorgetragenem Beifall zu begrüßen.

Ich versuchte auch in dieser Hockstellung, in der sie sich befand, ihre Muschi zu lecken, was zwar funktionierte, aber ich mochte den Winkel irgendwie nicht. Also legte ich mich zwischen ihre Beine und wies sie an, ihr Becken sacken zu lassen, bis wir eine für beide angenehme Stellung gefunden hatten. Sie hatte erstaunlich dunkle Schamlippen, die sich niedlich ineinander drehten. Sie schmeckte recht herb, aber nicht direkt säuerlich. Ich und meine Zunge fühlten uns an diesem gastlichen Ort sofort pudelwohl.

Das Gastspiel war jedoch nur von kurzer Dauer, denn Gianna hatte Dawn mit einer unbarmherzig effektiven Performance zu dem ersehnten Höhepunkt verholfen. Jeder im Haus bekam das mit, obwohl ihr Gianna schnell eine Hand auf den Mund legte. Gianna hob ihr Becken an und entließ meine untröstliche Zunge. Sie drehte sich herum und inspizierte meinen Körper.

„Oh, du bist hart … gut … dann fick sie jetzt.“

„Oh ja, fick mich jetzt“, stimmte Dawn aufgeregt zu.

Nun, da dies ja eine Mehrheitsentscheidung war, wollte ich diese selbstredend absolut machen und gab meine Zustimmung bekannt. Gianna stoppte mich aber noch einmal und hauchte mir warnend ins Ohr.

„Nimm die nicht ohne Gummi. Ich hab welche, wenn du keine dabei hast.“

Hatte ich nicht. Irgendwie hatte ich trotz Giannas Erzählungen, was ich in dem Pub zu erwarten hatte, gar nicht darauf spekuliert, in die Verlegenheit zu kommen, solche zu benötigen. Gianna half mir ein weiteres Mal aus und dann auch beim Anlegen der Lebensversicherung. Mich störten die Dinger nicht. Dawn war nicht nur nass, sie schwamm so vor sich hin. Erst merkte ich fast nicht, dass ich wirklich in ihr drinnen war. Das hatte ich so auch noch nicht erlebt.

Kein Beinbruch, ich änderte einfach die Stellung, so ähnlich, wie ich die Australierin bei meinem Sylvester-Abenteuer beglückt hatte. Ich legte ihr rechtes Bein über meine Schulter und stützte mich dagegen. Durch den etwas queren Winkel hatten wir dann ausreichend Friktion, um die Sache wirklich zu genießen. Ich hatte eigenartige Gedanken, während ich die wieder recht laut werdende Dawn verarztete, so zum Beispiel „das ist jetzt die Pflicht und danach kommt die Kür“. Die Kür war selbstredend Gianna.

Um sich die Zeit zu vertreiben, setzte sie sich kurz auf Dawns Gesicht. Aber die war zum einen zu abgeschwommen, zum anderen viel zu beschäftigt damit von mir durchgevögelt zu werden, so dass sie wohl nicht viel zustande brachte. Gianna seufzte und zog sich von ihr zurück. Dann war sie plötzlich hinter mir. Sie schmiegte sich eng an mich, stützte mit ihrem linken Arm Dawns Bein, während sie mir den rechten quer über meine Brust klammerte. Sie machte meine Beckenbewegungen mit.

Ich hielt kurz still, um praktisch ihr die Möglichkeit zur Steuerung zu überlassen. Eine Art Fernsteuerungs-Fick. Das klang aber in der Theorie besser, als es in der Ausführung war und ich machte dann lieber so weiter, wie zuvor. Dawn schien sich nämlich auch schon wieder auf dem Weg ins Nirwana zu befinden.

Ich legte noch einmal zu, fühlte das Prickeln auf meiner Haut, als Vorbote des nahenden Schweißes. Gianna entfernte sich wieder vom mir, um Dawn den Mund zuzuhalten, denn sie war laut genug geworden, um nicht nur unser Haus sondern auch alle umliegenden Nachbarn wach zu halten. Mit der freien linken spielte sie ihr an den Titten.

Dawn verkrampfte unter mir und kam. Das war doch recht schnell gegangen. Ich war in Fahrt, aber mir ziemlich sicher, dass auch Gianna noch so einiges abbekommen würde. Ich machte sie auf diesen Umstand aufmerksam.

„Jetzt bist du dran.“

Ich zog bei Dawn ab, die sich heftig atmend auf die Seite drehte und ein Kissen zwischen die Beine steckte. Ich kniete neben der sich langsam beruhigende Dawn, mit noch ordentlich geladener Waffe. Gianna richtete sich ganz langsam auf. Ihren Blick zu beschreiben, wäre die Aufgabe eines Poeten. Ich bin da doch eher prosaisch veranlagt. Sie bewegte sich wie eine Raubkatze auf mich zu. Ihre rechte Hand schloss sich übergangslos um meinen Schwanz. Sie streifte mir das Kondom mit einer raschen Bewegung ab.

„Ich bin clean“, meinte sie zur Erklärung, wartete aber meine Reaktion ab, um zu sehen, ob ich nicht doch ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis hatte. Ich hatte mir eigentlich erschreckend wenig Gedanken gemacht und mir bis dahin auch nie etwas eingefangen. Und dann folgte ein Satz, der mich in meinem Innersten erschütterte.

„Mein Blut ist auch okay.“

Sie drehte mir ihre Schulter zu. Kratzer und Bisswunden, noch und nöcher. Inmitten einiger Narben. Es war, als ob wir uns in diesem Moment einander öffneten. Mir sträubten sich die Nackenhaare. Ein Ziehen lief durch meinen Körper. Ich warf einen raschen Blick auf Dawn, als merkwürdige Geräusche aus ihrer Richtung kamen. Sie war tatsächlich eingeschlafen und schnarchte leise vor sich hin. Umso besser.

Gianna setzte sich auf meine Schenkel, dicht an meinen Knien. Ihre rechte Hand bewegte sich erst fast wie in Zeitlupe auf meine Brust zu, dann zog sie eine feurige Spur mit ihren Fingernägeln von meiner rechten Brustwarze bis links neben meinem Nabel. Ich griff in ihr volles, schwarzes Haar und zog mit aller Kraft. Sie bleckte ihre blitzend weißen Zähne. Mein tapferer Kamerad, den die ganze Geschichte eher hart gemacht hatte, war das Ziel ihrer nächsten Attacke. Sie nahm beide Hände zu Hilfe und vollführte Dinge damit, dich ich nicht mal Knetmasse oder Ton angetan hätte.

Sie rutschte weiter nach vorn, hob ihr Becken an. In einer fließenden Bewegung glitten ihre Hände um meinen Hals, während sich auf meine Lanze pfählte. Wir rieben unsere Gesichter aneinander. Sie hielt ihr Becken still, brachte stattdessen ihre Hände wieder zum Einsatz und kratzte mir auf meinem Rücken herum. Als Antwort biss ich ihr in ihre ohnehin schon arg mitgenommene Schulter. In ihren erlöst wirkenden Schmerzlaut hinein begann sie sich zu bewegen. Ich drückte mit meinen Zähnen noch ein wenig fester zu.

Ich zuckte wie unter einem elektrischen Schock, als sie mir die Nägel beider Hände zwischen meine Schulterblätter trieb. Ihr Becken rotierte schwer und mit exquisiter Langsamkeit auf meinen die Herausforderung annehmenden Pfosten. Ich ließ endlich von ihrer Schulter ab, als ich Blut schmeckte. Dass ich zu dieser Zeit auch schon aus mehreren Kratzwunden auf dem Rücken blutete, merkte ich nicht einmal. Es war alles nur eine Randerscheinung, da war nur dieser atemlose und verblüffend stille Rausch, kaltes Feuer, ein eskalierendes Gemisch aus Schmerz und Lust, das immer besser und gleichzeitig immer unerträglicher wurde.

Wir quälten uns zum Orgasmus. Anders kann man das nicht beschreiben. Ich drückte sie mit meinem Körpergewicht auf den Rücken und übernahm nun die Verantwortung uns einen solchen zu bescheren. Sie hörte nicht auf sich zu bewegen, alles war Bewegung, im Fluss, trieben wir dicht am Ertrinken im Schmerz und dieser unerträglichen Lust.

Da war kein Denken mehr, nicht mehr der Hauch von Kontrolle, nur noch die Zuspitzung auf dieses unglaubliche Gefühl, das wir gemeinsam erlebten. Und dennoch schlich sich die Enttäuschung ein, dass es nun vorbei war, dieser grausam grandiose Austausch nun beendet war.

Gianna küsste mich glücklich.

„Seit ich hörte, dass du mit Chris zusammen warst, hab ich mit dem Gedanken gespielt, weißt du?“ meinte sie nach Minuten atemloser Stille.

„Ich finde, wir sollten das noch mal in Ruhe wiederholen, wenn wir vielleicht das Haus für uns alleine haben oder so.“

Sie lachte.

„Das könnte dir so passen. Am besten noch vor Saras Augen, was? Aber ich sag niemals nie. Übrigens, ich soll dich von Chris grüßen.“

„Danke. Wie geht es ihr?“

„Nicht so gut. Ihre Mutter hat Krebs im Endstadium. Sie ist zurück in den Lake Distrikt, um bei ihr zu sein.“

Sie betastete sich kurz in stiller Freude ihre frischen Wunden. Dann wurde sie wieder ernst.

„Sie hat sich verändert, wirkte sehr still, irgendwie zurückhaltender. Ich glaub, die Sache nimmt sie ganz schön mit.“

„Weiß sie, dass wir hier leben?“

„Ja. Was genau ist eigentlich zwischen euch gelaufen?“

Ich seufzte. Das brauchte ich jetzt nicht unbedingt, Salz in noch offene Wunden zu streuen.

„Zu viel. Ich hab jetzt keine Lust darüber zu reden, aber ich erzähle es dir gern mal. Du wärst dann die erste, mit der ich darüber rede. Das habe ich weder mit Sara, noch meinem besten Freund.“

„Verstehe. Ist auch schon schrecklich spät. Ich muss morgen zur Arbeit. Verdammt, schon drei. Ich find morgen bestimmt nicht aus dem Bett und ich kann nicht schon wieder fehlen, sonst schmeißen die mich raus.“

Sie arbeitete zu dieser Zeit in einem Kindergarten. Wir sahen prüfend zu der schlafenden Dawn.

„Tust du mir den Gefallen und kümmerst dich um sie, wenn sie aufwacht? Ich trau ihr nicht. Pass bitte auf, dass sie nicht mit meiner Stereoanlage abhaut, oder so.“

„Dann hoffe ich, ich werd vor ihr wach.“

„Ich glaube, sie wird einen ganz schönen Kater haben. Mann, war die besoffen.“

„Ich bin ihr trotzdem dankbar.“

„Habe ich dir nicht gesagt, dass Virgos gut miteinander können?“

„Hast du. Okay, ich lass dich denn schlafen. Danke für alles. Und gute Nacht.“

Sie lächelte.

„Dafür nicht. Ich hab zu danken. Schlaf schön. Sogni d’oro.“

Was so viel wie Träume aus Gold bedeutet. Metallisch waren sie schon, wie der Geschmack ihres Blutes, den ich noch immer zu schmecken schien, als ich befriedigt einschlief.

***

Dawn wachte dann nach mir auf und ich bot ihr Frühstück an, aber sie wollte nur nach Hause und machte in der Tat einen ziemlich verkaterten Eindruck. Sie bedankte sich für unsere Nacht und bat mich, das auch und insbesondere an Gianna zu übermitteln.

Das tat ich dann auch bei ihrer Rückkehr am Abend. Die angenehme Entspannung durch die Nacht wurde von Gewissensbissen abgelöst, als wir in der Küche sitzend von Sara interviewt wurden, wie denn unser Abend in dem Pub verlaufen war. Wir gaben nur ausweichende Antworten und sahen uns verstohlen und deutlich schuldbewusst an.

Der Herbst war zu Ende, Weihnachten stand wieder vor der Tür. Sara kam oft in mein Zimmer und unterhielt sich mit mir über den Typen, in den sie sich verliebt hatte. Er hieß Steph, war auch Bassist und spielte in einer Chart-Gruppe, die mit moderatem Erfolg ein paar Platten aufgenommen hatte und kleinere Clubs und Hallen füllte, aber von echtem Ruhm noch ziemlich weit entfernt waren. Sie teilte mir eines Tages mit, dass er mit ihr nach Hause gekommen war, da sie ihm anbot, bei ihr zu nächtigen.

Steph trug keine Unterwäsche, wie sie bei dieser Gelegenheit feststellte und was sie natürlich ins Rotieren brachte. Sie brachte ihn schließlich dazu, sich seine Jeans wieder anzuziehen. Sie war ganz hübsch durcheinander. Das war ich allerdings auch. Auf der einen Seite fand ich es ja toll, dass sie mir das alles erzählte, auf der anderen empfand ich es doch als deutlich zu viel Information und eine gewisse Rücksichtslosigkeit mir gegenüber.

Ihre „Romanze“ mit Steph wurde dann von ihrem alljährlichen Weihnachtsurlaub unterbrochen. Sie fuhr schon eine Woche vor mir los, denn auch ich wollte zurück nach Deutschland, im selben Muster wie im Vorjahr, also erst zu meiner Familie und dann wieder zu Udo. Sara war schon in Italien, als wir mit einem ganzen Trupp eine Kneipentour durchs Westend machten, unter anderem auch mit Steph und Gianna.

Am nächsten Morgen kam Steph dann aus Giannas Zimmer, als ich gerade mit meinem Frühstück die Treppe rauf kam und grüßte mich freundlich grinsend. Hoppala. Da hatte Gianna wohl für eine weitere Nacht ihre Pussy über ihre Loyalität ihrer Freundin gegenüber siegen lassen. Sie kam am Nachmittag dann auch im Bademantel auf mein Zimmer, rauchte mit mir einen und berichtete mir von ihrem Fehltritt, natürlich mit der Verpflichtung, ihr nie etwas zu erzählen.

Sie erzählte mir dabei auch, dass sie zunächst unten in unserer Gemeinschaftssitzecke „nur ein bisschen geknutscht“ hatten und sie ihm im Verlauf kurz in die Hose gefasst hatte. Er kam dann gleich in seine noch immer ungeschützte Jeans. Gianna. Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Immerhin raffte er sich noch zu einer weiteren Tat auf, die nach Giannas Empfinden allerdings nicht den Vertrauensbruch wert gewesen war.

Während des ganzen Gesprächs saß sie gegen meine Wand gelehnt auf dem Boden, ihre Knie angestellt, mir sozusagen ihre vernachlässigte Zaubermaus präsentierend. Ich blieb davon nicht unberührt, aber wollte den Grad ihrer wie auch meiner Schuld nicht auch noch vertiefen. Wir unterhielten uns bestimmt drei Stunden, nun auch über Chris. Am Ende des Gesprächs waren wir beide so geil, dass es kaum auszuhalten war. Mit meinem letzten Rest von Selbstkontrolle bat ich sie, auf ihr Zimmer zurückzukehren, um nicht in die nächste Geschichte zu schlittern.

Das tat sie dann auch. Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, hatte ich meinen Schwanz in der Hand und kompensierte für die entgangene Gelegenheit. Ich hatte gerade richtig Fahrt aufgenommen, als Gianna ohne zu klopfen wieder eintrat, weil sie ihre Zigaretten liegengelassen hatte. Sie grinste, als sie mein Tun erblickte.

„Lass dich von mir nicht stören“, meinte sie verständnisvoll und hielt es dann für notwendig, mir ihren Prachtarsch nebst angeschlossener Muschi zu präsentieren, indem sie sich mit gestreckten Beinen nach ihren Kippen bückte. Was für ein geiles, kleines Miststück.

„Bleib ruhig noch eine Weile so stehen“, gab ich den Grad meiner Freude über dies Spektakel bekannt. Sie tat dies noch für einige Sekunden, inklusive diverser Hintern-Wackler, hatte dann aber eine andere Idee. Sie setzte sich wieder auf denselben Platz wie zuvor, öffnete ihren Bademantel, stellte ihre Beine an und fing an, mit sich selbst zu spielen.

„Das muss doch wohl erlaubt sein“, meinte sie fast entschuldigend.

Fand ich auch, außerdem hatte ich es gerade mit dem Denken nicht so besonders. Ich war viel zu geil, um noch an irgendwelche Zurückhaltung zu denken, außer der die ich brauchte, um mit ihr gleichzeitig zu kommen. Das hätten wir beide vermutlich nach wenigen Minuten hinbekommen. Wir machten eine halbe Stunde daraus. Sie ließ es sich nicht nehmen, mir den Schwanz leckend zu säubern, als wir unser Ziel dann erreicht hatten. Ich bedankte mich artig für diesen ungewohnten Zimmer-Service und lag für eine Weile unruhig auf meinem Bett.

***

Weihnachten und Udos Geburtstag vergingen wie im Flug. Diesmal gelang es mir wenigstens im Ansatz, ihm von Chris zu erzählen. Natürlich ging ich nicht so sehr ins Detail wie mit Gianna, aber machte Andeutungen, welcher Sparte sich Chris verschrieben hatte. Mehr in die Tiefe ging ich nur, was es emotional bei mir ausgelöst hatte und wie sich das alles einordnen ließ.

Das Treffen mit meiner Ex-Gattin fand auf neutralem Boden in einer Wein-Bar in der Innenstadt statt. Sie hatte sich nicht wirklich verändert, wirkte auch nach Jahren der Trennung unglaublich vertraut und nah. Wir tauschten Beziehungsgeschichten aus und klärten ein paar Sachen, die wir vor uns hergeschoben hatten. Sie hatte sich Gott sei Dank von dem Alki und Schläger getrennt und war gerade solo.

Der eine oder andere wird es vielleicht nachvollziehen können: Es gab einen Punkt im Gespräch, wo ich sie am liebsten in das nächste Hotel verschleppt und daran erinnert hätte, warum sie mich auch mal geheiratet hatte. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass es ihr genauso ging.

Wir unternahmen allerdings nichts, wohl wissend, dass es ein ziemlich kapitaler Fehler gewesen wäre. Es war schön, dass unsere Trennung nichts an unseren Gefühlen füreinander geändert hatte. Ich hoffte nur, dass sie bald jemanden finden würde, bei dem sie Ruhe fand. Ich versprach ihr ein paar Tapes von meinen Aufnahmen zu schicken und ihr auch den Roman zu übersenden. Sie hatte auch mit dem Schreiben angefangen, aber ich habe nie etwas von ihren Sachen zu lesen bekommen. Später verlegte sie sich dann auf Fotografie.

Sehr viel ruhiger und entspannter kehrte ich nach London zurück. Bis zu Saras Rückkehr war alles eher ruhig. Gianna aber hatte Gewissenbisse wegen Saras Angebeteten. Wir hatten kurz vor Saras Rückkehr noch einmal miteinander gesprochen und waren übereingekommen, ihr von beiden Affären nie etwas zu erzählen. Am Tag nach ihrer Rückkehr gestand sie ihr dann aber den Fehltritt mit dem Bassisten.

Als Sara kurz darauf in mein Zimmer stürmte, hatte ich für einige Momente des Herzstillstandes den Eindruck, dass Gianna ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte. Schnell wurde aber klar, worauf sie sich beschränkt hatte. Sara war außer sich vor Wut und Empörung, fühlte sich verraten und verkauft.

„Sie kann doch jeden haben, den sie will, warum muss sie ausgerechnet mit Steph ins Bett springen? Und mir dabei so wehtun? Und ich dachte, sie wäre eine Freundin, obwohl sie so egoistisch und selbstverliebt ist. Ist das denn so schwer, sich unter Kontrolle zu halten? Ja? Was sagst du dazu?“

Nun, ich war definitiv nicht der richtige Ansprechpartner in diesem Moment. Ich war schließlich genauso schuldig wie Gianna.

„Manchmal geht das nicht so einfach. Eine Situation entwickelt sich und man ist so darin gefangen, dass man sich über das morgen keinerlei Gedanken macht.“

„Du nimmst sie auch noch in Schutz? Bin ich die einzige, die ihr Verhalten völlig daneben findet?“

Ich beeilte mich, ihr das Gegenteil zu versichern. Wir rückten wieder enger zusammen, nach dieser Geschichte. Sie freundete sich mehr mit Dores an, die langsam auftaute. Diese hatte zuvor einen recht merkwürdigen Freund gehabt, einen Waliser, der absolut prollig drauf war und bei der Charaktervergabe ein „leider nicht gewonnen“ bekommen hatte. Dafür hatte ihn die Natur in anderen Bereichen großzügig ausgestattet. Das war der einzige Grund, warum Dores mit ihm zusammen war.

Die beiden anderen Frauen, insbesondere Gianna, versuchten ihr beizubringen, dass Schwanzgröße vielleicht nicht alles war, worauf man bei einem Mann achten sollte und sie muss dadurch tatsächlich ins Grübeln geraten sein, denn kurz darauf beendete sie Beziehung mit ihm, das war noch vor Weihnachten gewesen. Auch sie hatte Weihnachten bei ihrer Familie verbracht. Es war wohl auch Gianna gewesen, die ihr als Beispiel, wie ein Mann sonst so sein könnte, mich angepriesen hatte.

Was Dores falsch verstand. Sie glaubte, Gianna würde damit meinen, dass ich auf sie abfahren würde. Was eher nicht der Fall war. Gut, sie war hübsch, hatte einen netten Körper und witzige Sommersprossen auf Nase und Stirn. Sie hatte eine Modedesignerinnen-Ausbildung bereits abgeschlossen und machte nun in London einen Erweiterungskurs in Schuh-Design. Sie war nett, aber deutlich zu still für meinen Geschmack und zudem gerade mal zwanzig zu dieser Zeit. Zudem wurde es gerade wieder schlimmer mit Sara, die sich jetzt an mich klammerte.

Seit geraumer Zeit, eigentlich seitdem Rick bei uns ausgezogen war, war meine Bandgeschichte im Sande verlaufen. Ich hatte aber eine Menge eigener Stücke eingespielt und wollte dieses Programm auch auf die Bühne bringen. Ich bot Sara die Bassisten-Position in meiner Band an und wir übten auch einige Male in meinem Zimmer.

Ich verbrachte auch wieder etwas Zeit mit Bob, der sich langsam fing. Nach all den Auszügen waren die Zimmer durchweg von Leuten belegt, die ich nicht kannte. Sids altes Zimmer im Keller hatte er in einen Übungsraum umfunktioniert, den er an diverse Bands vermietete und so das Zehnfache von dem einnahm, was er an Miete bekommen hatte. Das Geld wollte er wieder reinvestieren und ein Aufnahmestudio draus machen.

Josh und ich halfen ihm, das geeignete Equipment aufzutreiben. Eine der neuen Hausbewohnerinnen war eine Frau Ende Dreißig, ein alter Hippie, aber im Gegensatz zu Sara eine, die eine Menge von freier Liebe hielt und dies aus den Sechzigern und frühen Siebzigern mit rüber gerettet hatte.

Ihr Gesicht hatte die eine oder andere Falte. Ihre Seele nicht. Sie lebte in Julies Zimmer, da Chisato schon längere Zeit ausgezogen war. Im Wohnzimmer wohnte eine Dame aus der BDSM-Szene, eine recht korpulente Rothaarige, die ich völlig unattraktiv fand, was mich aber irgendwie beruhigte. Sie lebte in unserem alten Zimmer.

Bob lebte in Matthews altem Raum, weil er das Zimmer neben den Übungsraum in den Kontrollraum für das Aufnahmestudio umfunktionierte. Keylams altes Zimmer wurde von einer Freundin von Chisato bewohnt, Kyoko, die ich nur selten zu Gesicht bekam. Josh wohl umso mehr. Sie waren bald darauf ein Paar. Bob versuchte mich zu überreden, in das Studio mit einzusteigen, aber ich hatte keine Lust.

Ich glaube, außer zum Schreiben und zum Gitarre spielen hatte ich zu nichts richtig Lust. Der einzige Grund, warum ich jetzt wieder mehr mit Bob abhing, war, um Sara zu entgehen. Wir verbrachten für meinen Geschmack deutlich zu viel Zeit zusammen. Wie ein Paar. Ich schrieb, sie malte in meinem Zimmer. Wir kochten zusammen. Sie schlief ab und zu in meinem Bett. Wir kuschelten, aber das war die Grenze.

Gleichzeitig kam Dores immer öfter in mein Zimmer, praktischerweise meist wenn Sara nicht da war, um mir eine neue Schuhkreation zu zeigen, oder sich eine Meinung über das, was sie anziehen wollte, einzuholen.

Wir unterhielten uns auch öfter in der Küche. Sie hatte in Portugal eine Affäre mit ihrem Onkel am Laufen, wie sie mir erzählte. Er war in meinem Alter. Dass sie versuchte mit mir zu flirten, entging mir dabei. Sie steckte voller Ideen von Selbstverständlichkeiten, Respekt und einer natürlichen Ordnung der Dinge. Manche davon stießen mir quer auf. Ich hielt damit nicht hinter dem Berg und sie war einige Male ziemlich eingeschnappt.

Wenn die beiden Elfen im Haus, denn als solche fing ich an Sara und Dores zu betrachten, beide etwas mehr als eins fünfzig groß und ähnlich wuselig, nicht bei mir waren, kam Gianna, um einen mit mir zu rauchen, oder mir von ihren letzten Eroberungen zu erzählen. Wir waren einige Male dicht dran, unseren guten Vorsätzen und damit Sara untreu zu werden.

Dores ließ sich „Extensions“ machen, also lange geflochtene Zöpfe, die irgendwie mit ihrem normalen Haar verknotet wurden, so ein bisschen wie Bo Derek, nur halt dunkelhaarig. Es gab ihr einen exotischen Touch, denn der eher blasse Teint ließ sie sich nicht besonders von englischen Frauen abheben.

„Kommst du mit in mein Zimmer?“

Ich seufzte und sah mühsam von meinem Bildschirm auf. Ich war gerade dabei einen wichtigen Dialog umzuschreiben. Ich hatte nicht die mindeste Lust, mir noch weiter Schuhe oder Schuhzeichnungen anzusehen.

„Ehm … ein neues Design? Eigentlich … ich bin mitten beim Schreiben … vielleicht etwas später?“

„Nein, du musst das jetzt sehen, ich hab’s nur anprobiert und ziehe es gleich wieder aus.“

Okay, aber hoffentlich keine Schuhe. Erst jetzt sah ich, dass sie ihren großen weißen Badmantel trug. Irgendwie war ich noch gar nicht aufnahmefähig. Ich wollte auch einfach nur meine Ruhe haben, also folgte ich ihr brav in ihr Zimmer. Es war wirklich ziemlich klein. Ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch, ein Stuhl und nicht viel Platz für irgendetwas anderes. Sie schloss die Tür. Ich setzte mich auf ihr Bett und probierte die Federung, mehr ein Reflex als eine bewusste Handlung. Sie lächelte etwas eigenartig.
Dann öffnete sie ihren Bademantel. Sie trug ein weinrotes Dessous, das mit schwarzer Spitze abgesetzt war.

„Hoppla. Das sieht großartig aus. Sehr schön. Steht dir wirklich gut. Leg doch mal den Bademantel ab und dreh dich rum.“

Das waren keine Sprüche, ich meinte das auch so, ohne dabei irgendetwas zu empfinden, so wie man ein gutes Spiel zweier Mannschaften sieht, mit denen man emotional nichts anfangen kann. Man freut sich über den guten Fußball, aber man wird deshalb nicht zum Fan.

„Wirklich, klasse. War doch sicher arschteuer?“

„Schon. Und es gefällt dir wirklich?“

„Absolut. Es lässt dich noch rassiger aussehen, als du ohnehin schon bist. Der Kerl, der dich aus dem Ding puhlen darf, ist ein echter Glückspilz.“

Sara hatte wohl unsere Stimmen gehört und klopfte an die Tür. Dores zog sich rasch wieder ihren Bademantel über und machte auf nonchalant. Die beiden fingen an zu plaudern und es gelang mir fast unbemerkt, mich in mein Zimmer zurückzuziehen. Gianna kam rein und fragte nach einem Spliff. Ich hatte gerade einen am Computer am Gange, also ließ ich sie mit ziehen. Sie stellte sich hinter meinen Schreibtischstuhl und kraulte meine Brust, während ich zog.
Sie las die Zeilen, die ich gerade geschrieben hatte, halblaut sich selbst vor.

„Das ist richtig gut. Du hast Talent. Ich hab dein Märchen auch gelesen, Sara hatte es mir geliehen. Wirklich süß. Du musst irgendwann auch mal was für mich schreiben. Wo ist Sara?“

„Bei Dores im Zimmer. Die hat gerade ein Dessous vorgeführt, sah gar nicht schlecht aus.“

„Dessous habe ich auch. Aber ich glaube, dir würde wohl eher meine Ledersammlung gefallen, oder?“

„Habe ich dir mal meine Lederjeans gezeigt, die Chris mir geschenkt hat?“

„Nein. Ja, komm, führ sie mal vor. Du siehst bestimmt gut darin aus.“

„Weiß nicht, so gut nun auch wieder nicht. Aber die sitzt gut. Wenn ich jetzt durch die Rumsitzerei nicht doch fetter geworden bin.“

Ich tat ihr also den Gefallen und zog das Teil an. So, wie Chris es mich tragen ließ. Ohne Unterwäsche. Gianna schien in der Tat angetan.

„Geil. Du solltest sie öfter mal tragen. Ich kenn ein paar Clubs, wo du dich amüsieren würdest.“

„Wie das Bedlam?“

„Nein, das hat zugemacht. Hast du gehört, dass sich Bob auch an einem BDSM-Club versuchen will?“

Das hatte ich allerdings nicht. Ihren Erzählungen zufolge hatte seine korpulente Mitbewohnerin die Idee geliefert, als er ihr von seinen gescheiterten Versuchen erzählt hatte, in Pubs Konzerte zu organisieren. Und da sie auch die nötigen Verbindungen hatte, setzten die Beiden diese Idee wenig später auch um. Wir als seine Freunde waren alle auf der Gästeliste.

Und wenn Chris dahin kommen würde? Nach letzten Informationen war sie noch im Lake-Distrikt bei ihrer sterbenden Mutter. Oder Shawn, Jamie und Tina? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie sich einen Club in Laufdistanz entgehen lassen würden. Erst hatte ich schwere Bedenken. Dann konnte ich es kaum erwarten.

Gianna war hinter mich getreten. Ich starrte auf dem großen Spiegel an meiner Wand. Sie zog mir mein T-Shirt über den Kopf. Ihre Hände wanderten über meine Brust. Sie hatte ein lüsternes Grinsen im Gesicht und mühsam gezügelte Gier in ihren Augen. Sie zeichnete die volle Länge meines zum Leben erwachten besten Stückes mit ihrer Hand auf dem Leder nach. Gerade als ihre Hand in meine Hose eindrang, klopfte es an der Tür. Sara.

Wir trennten uns schnell voneinander und ich zog mir noch schnell mein T-Shirt über, bevor ich sie herein bat. Sie sah misstrauisch auf Gianna, die sich auf mein Bett verzogen hatte. Erst als sie den Spliff, den wir immer noch nicht ganz zu Ende geraucht hatten, in ihrer Hand sah, entspannte sich ihr Gesicht wieder. Gianna nahm den letzten Zug und verließ den Raum. Sie gingen sich zu dieser Zeit noch aus dem Weg.

„Na, da bin ich ja mal wieder zu spät dran, wie üblich.“

„Ich bau nachher noch einen.“

„Seit wann trägst du denn Lederhosen? Für die Bühne?“

„Nein, die hat mir Chris mal geschenkt.“

Sie sah ein wenig betreten zu Boden.

„Verstehe. Hast du gehört, dass Bob auch einen Club für … diese Leute aufziehen will? Wir sind alle auf der Gästeliste, das ganze Haus.“

Nein, obwohl ich alle zwei, drei Tage bei ihm abhing, schien jeder andere eher davon Kenntnis erhalten zu haben. Bob hatte manchmal diese komischen Spielchen drauf.

„Und, gehst du hin?“

„Ich weiß nicht. Ich kann damit nichts anfangen. Was es wohl für Musik sein wird?“

„Härterer Rock, vermutlich. Das magst du doch. Und wir kommen umsonst rein.“

„Na, du hast ja was zum Anziehen. Ich weiß nicht. Ich glaub nicht, dass ich mich da wohlfühlen würde. Ist ja noch zwei Wochen hin. Mal sehen.“

Sie kam trotzdem, zog sich so an wie immer und das taten auch vieler meiner Freunde. Nur Gianna, Dores und ich erschienen in Leder. Ich erkannte einige vom Sehen. Tina war auch da. Shawn und Jamie sah ich allerdings nicht. Ich sprach nach einigem Zögern Tina an, die mich wohl noch nicht entdeckt hatte.

„Hey Tom, das ist ja schön dich hier zu sehen. Und auch so passend angezogen … wie geht es dir? Wir haben uns ja schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“

„Geht so. Und? Wo ist der Rest deiner Hausgemeinschaft?“

„Jamie und Shawn haben sich getrennt, sie wohnt noch bei uns, aber ist gerade in Lancaster bei ihren Eltern. Wir sind jetzt eine reine Frauen-WG. Chris ist wieder da, aber nicht gut drauf. Sie wusste noch nicht, ob sie kommen würde.“

„Ihre Mutter?“

„Ja, die ist tot. Letzte Woche. Samstag war die Beerdigung.“

„Scheiße.“

„Ich bin froh, um ehrlich zu sein. Chris war kaum noch wiederzuerkennen. Es ging ihr echt dreckig dabei. Tanzt du mit mir?“

Ich tat ihr den Gefallen. Dores und Sara standen an der Tanzfläche und schauten uns dabei zu. Mir war es egal. Ich freute mich ehrlich, Tina zu sehen. Wir tanzten ausgelassen und durchaus nicht unerotisch miteinander, bevor ich mich wieder zu meinen Freunden begab. Matthew war neugierig genug, um zu fragen, woher ich sie kannte. Ich gab ihm nur vage Auskunft.

Es kam keine richtige Stimmung auf. Dafür war die Gruppe zu zusammengewürfelt. Eine erkleckliche Anzahl von Bobs Freunden war seinem Unterstützungsruf an der Eröffnungsnacht des Clubs, der in einem der zahlreichen Mietclubs stattfand, gefolgt. Die betrachteten nun die Szene-Leute wie im Zoo. Ich kam dennoch mit einigen gut ins Gespräch, vor allen Dingen schienen alle darauf bedacht, mich abzufüllen.

Ich amüsierte mich richtig gut, auch Gianna hatte Anschluss gefunden und würde mit Sicherheit in dieser Nacht nicht nach Hause kommen. Eine Weile hatte eine rothaarige Dame mit wilden langen Haaren und engsten Lederklamotten mir gegenübergesessen. Wir sahen uns lange an, aber irgendwie wurde ich zu oft abgelenkt, um mich richtig auf sie konzentrieren zu können. Bob war auch nicht entgangen, dass eine weitere seiner im Prinzip nicht schlechten Ideen ein Reinfall wurde. Zum ersten Mal seit langer Zeit gab er sich wieder ordentlich die Kante.

Dann zupften mir meine beiden Elfen am Ärmel. Sie wollten nach Hause und keiner der anderen Burschen aus unserem Haus wollte bis dato mit. Da ein Fußmarsch geplant war, wäre es natürlich sehr ungalant und nicht ungefährlich gewesen, die Beiden alleine ziehen zu lassen. Ich wäre eigentlich viel lieber noch geblieben. Aber ich machte auf Beschützer und drängte mich vor den Beiden durch die Menge dem Ausgang zu.

„Gehst du schon, Tom?“

Ich hatte sie nicht einmal bemerkt, weil sie von den breiten Schultern eines hühnenhaften Mannes verborgen kurz vor dem Eingang stand. Chris. Sie hatte sich ihr Haar hennarot gefärbt und kürzer geschnitten, auf Schulterlänge.

„Chris. Ich hab von deiner Mutter gehört … tut mir echt leid, mein Beileid.“

Ich umarmte sie zögernd. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos.

„Danke. Willst du nicht noch etwas hierbleiben? Du bist betrunken, seit wann trinkst du denn?“

„Gar nicht, nur wollten die hier alle nicht aufhören, mir Drinks zu spendieren. Tina habe ich auch schon gesehen. Das hier ist übrigens Dores und die andere Dame kennst du natürlich. Ich bring die beiden jetzt nach Hause.“

„Hallo Sara. Schön dich wiederzusehen.“

Sara schien die Begegnung mit eher gemischten Gefühlen zu betrachten. Sie lächelte schwach.

„Ich mag, was du da trägst“, komplementierte sie Dores, die darüber sichtlich erfreut war.

„Kommst du hinterher nochmal zurück?“

„Ich glaub eher nicht. Wir können uns ja mal treffen. Du hast gehört, dass ich jetzt ganz in der Nähe wohne?“

„Ja, mit Gianna, das hat sie mir erzählt. Und wieder mit Sara. Wie clever von dir.“

Na, ich fand in diesem Moment, dass sie sich gar nicht so doll verändert hatte. Ihr Spott war jedenfalls noch immer blitzblank.

„Dores übrigens auch. Und dem Typen da drüben, das ist Matthew. Auch Keylam springt hier irgendwo rum, das ist der Bruder von Bob, der wohnt auch bei uns.“

„Okay. Dores … klingt nach Spanien?“

„Nein Portugal, aus Porto.“

„Aha. Noch so eine, die darauf wartet, dass du endlich aus der Höhle kommst. Das muss ja ein lustiges Haus sein.“

Mit dem Spruch konnte ich mit meinem besoffenen Kopp allerdings nicht viel anfangen.

„Chris, lass uns ein andermal … wir haben uns sicher so einiges zu erzählen.“

Sie lehnte sich ganz leicht in meinen Körper und hauchte mir ins Ohr:
„Wer sagt denn, dass ich mit dir reden will?“

Das drang tief ein. Ganz tief. Und spülte unverzüglich einiges aus diesen Tiefen hervor. Bilder von unseren „Sessions“ tanzten vor meinen Augen. Ich war einigermaßen froh, dass meine beiden Elfen nun unruhig wurden und ich mich schließlich von ihr verabschieden konnte. Auf dem ganzen Heimweg spielte ich aber doch noch mit dem Gedanken, zum Club zurückzukehren.

Dores beschwerte sich, dass sie nicht einmal von irgendjemandem angebaggert wurde und dass sie so wieder bis zu ihrem nächsten Portugalbesuch warten müsste, um mal wieder richtig genagelt zu werden. Sara schwieg betroffen. Sie wurde immer sehr still, wenn dieses Thema angeschlagen wurde. Sie war jetzt sechsundzwanzig. Und immer noch Jungfrau.

Dann drehte sich eine Frau auf der Straße nach Dores um und gratulierte ihr zu ihren „Extensions“. Schon war sie wieder bester Laune. Sie brauchte diese Bestätigung, auch dieses Auffallen. Das ihr Spruch in meine Richtung ging, kam bei mir nicht an. Sara verschwand im Haus schnell auf ihrem Zimmer. Ich glaube, die unerwartete Begegnung mit Chris hatte sie etwas geschockt.

„Wir können ja noch ein Bier auf deinem Zimmer trinken. Ich hab noch welche“, meinte Dores plötzlich, als wir noch in der Küche rumsaßen.

„Nee, lass mal, ich bin echt schon zu besoffen. Ich vertrage nicht viel und wahrscheinlich wird es mir morgen früh eh schon dreckig gehen.“

„Verstehe.“

Sie seufzte.

„Na gut, ich geh dann ins Bett.“

„Okay, schlaf schön.“

Ich saß noch eine Weile alleine in der Küche herum, machte mir einen Kaffee und ging dann auf mein Zimmer. Chris. Ich musste echt aufpassen. Mit dem einen Satz hatte sie mich schon wieder total in Schwingung versetzt. Ich brauchte lange zum Einschlafen. Und das lag nicht am Kaffee.

***

Die drei Frauen im Haus hielten mich aber eigentlich schon genug in Atem. Ständig hing eine von ihnen in meinem Zimmer rum. Ich hatte also quasi drei Rehe vor der Flinte, kam aber nicht zum Schuss. Gianna machte mich bewusst und mit einem gewissen inhärenten Sadismus heiß, aus Dores Verhalten wurde ich nicht so richtig schlau und Sara verhielt sich wie meine Freundin, die halt eben nicht mit mir schlafen wollte.

Ich wollte einfach meine Ruhe haben, denn sie nervten mich meist, wenn ich an meinem Stück arbeitete. Eines Morgens hatte ich eine Idee, die zum einen meine Frustration zum Ausdruck brachte, zum anderen zumindest zwei der Damen richtig vor den Bug schoss. Ich malte ein Verkehrssc***d, auf dem eine Frau mit Zöpfen und Rock zu bestaunen war, die jedoch durchgestrichen wurde, mit dem Text:

„No dressed women beyond this point”, also keine bekleideten Frauen ab diesem Punkt. Dieses Sc***d befestigte ich an meiner Zimmertür. Ich bekam Beifall von meinen männlichen Hausgenossen, die weiblichen kicherten und überlegten eine Antwort, während ich meine neugewonnene Ruhe genoss, die zunächst nur einmal kurz von Gianna durchbrochen wurde, als sie ein paar Zigaretten abstauben wollte, während alle anderen bei der Arbeit oder am College waren. Sie klopfte artig an der Tür, schlüpfte schnell herein und legte ihren Bademantel ab.

Bis über beide Ohren grinsend trug sie dann ihr Anliegen vor. Ich gab ihr die Zigaretten mit zugegebenermaßen zitternden Händen. Wie so oft war die sexuelle Spannung zwischen uns für einen Moment fast unerträglich. Sie hatte einen Arzttermin, ansonsten hätten wir uns wohl nicht kontrollieren können. Sie erzählte noch kurz, dass Chris wieder im Lake Distrikt war, um Erbangelegenheiten zu regeln und das Haus an eine Maklerfirma zu übergeben, denn sie wollte es wohl zunächst nur vermieten.

Am frühen Abend klopfte es dann erneut an meiner Tür. Ich hatte dort zuvor Rascheln und unterdrücktes Gelächter gehört. Als ich die Türe öffnete, fand ich ein türgroßes Bild von einem mit Strapsen bekleideten offensichtlich weiblichen Schwein samt BH vor, nebst Sprechblase:

„Süßer, du musst einfach mal mehr herauskommen.“

Als Antwort darauf verfasste ich einen offenen Brief an Gott, in dem ich die Schöpfung solch nutzloser Kreaturen wie Frauen aus so hervorragendem Material wie männlichen Rippenknochen monierte und die Frage stellte, ob Er, wenn Er schon so gerne schnitzte, nicht lieber etwas Sinnvolleres hätte kreieren können, wie Werkzeuge oder Aschenbecher. Natürlich heftete ich das Teil an meine Tür.

Die Antwort kam am nächsten Tag, von „Gott“ persönlich sozusagen, in der mir mitgeteilt wurde, dass er viele sinnvolle Funktionen in diese Kreaturen eingebaut hätte, die mir offensichtlich entfallen waren. Diese „Schlacht“ machte mir enorm Spaß und selbst die unten lebenden Männer nebst Besuchern gingen nach ihrer Ankunft zunächst immer vor meine Türe, um zu sehen, ob es etwas Neues in unserem Krieg der Geschlechter gab.

Es ging noch eine Weile hin und her und verlief dann im Sande, hatte mich aber in eine deutlich positivere Stimmung gebracht. Viele meiner Repliken waren recht eindeutig auf Sara gemünzt, um die es mir vornehmlich ging. Ich ging auch davon aus, dass die meisten Antworten von ihr stammten. Dem war aber nicht so. Sie kamen von Dores, denn auch Sara ging wohl mit davon aus, dass ich an ihr interessiert war, obwohl ich nie auch nur ansatzweise so etwas angedeutet hatte.

Sara war auch die erste, die sich über mein Kleiderembargo hinwegsetzte und ziemlich bekleidet in meinem Zimmer auftauchte. Das Spielchen hatte aber den Effekt, dass ich nun den Zeitpunkt für gekommen hielt, wirklich Nägel mit Köpfen zu machen.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf und wanderte zum einzigen Blumenladen in der Nähe, fast zwanzig Minuten Fußmarsch entfernt, musste dort noch ein paar Minuten bis zu dessen Öffnung warten. Wenig später kehrte ich mit zehn roten Rosen zurück, die ich in fiebriger Eile mit Klebeband einzeln an ihrer Tür befestigte, mit dem Hinweis „Der Prinz vom Dienst wohnt nebenan“, und einem Pfeil in Richtung meiner Zimmertür.

Mit klopfenden Herzen wartete ich auf ihre Reaktion. Es geschah nichts. Sie kam nicht heraus. Als ich mir einen Kaffee in der Küche machte, sah ich noch Dores blass und mit einem Blick, den ich überhaupt nicht einordnen konnte, unsere Haustür zuknallen.

Gianna kam in die Küche und grinste über beide Ohren, informierte mich aber, dass Sara schon längst bei der Arbeit war und ich auf meine Reaktion daher wohl bis zum späten Nachmittag warten musste. Sie fand die ganze Geschichte toll, steckte mir aber auch, dass die Damen davon ausgegangen waren, Dores wäre diejenige gewesen, auf die mein absurdes Theater hingezielt hatte.

Auf meine Frage, wie sie Saras mögliche Reaktion einschätzte, konnte sie nur mit einem „weiß nicht“ antworten, meinte, es würde ihr vermutlich schon gefallen und wünschte mir für das sicher folgende Gespräch viel Glück. Das würde ich brauchen können. Für einen Moment verfluchte ich mich dafür, die Sache auf die Spitze und eine Lösung zuzutreiben. Stunden, die man damit verbringt, auf einen möglicherweise lebensentscheidenden Moment zu warten, gehen nicht wirklich schnell vorbei.

Ich wurde immer unsicherer. Ich kam gerade vom Klo zurück, als ich Sara mit offenem Mund auf ihre Tür starrend vorfand. Allein dieser Anblick hatte die Aktion lohnend gemacht. Sie nahm mich gar nicht richtig wahr, als ich grinsend wie ein ertappter Schuljunge an ihr vorbeischlich und in mein Zimmer floh. Mein Herz pochte wie wild.

Nach einer Weile hörte ich, wie sie zu Gianna meinte, sie würde die Rosen jetzt abnehmen und in eine Vase stellen. Sie ließen schon ganz schön die Köpfchen hängen, aber schließlich war alles anders geplant gewesen. Und dann dauerte es wieder eine kleine Ewigkeit, bis es endlich an meiner Tür klopfte.

Sie sah fast ein wenig verloren aus, wie sie da unschlüssig in der Tür stand und nur zögerlich zu mir aufs Bett kam. Sie setzte sich scheu an den Rand.
„Wie soll ich das denn jetzt verstehen?“ gab sie ihrer Verwirrung Ausdruck.

„Na, so wie es gemeint ist.“

„Und wie ist es gemeint?“

„Ich liebe dich. So ist das gemeint.“

Sie schwieg betroffen.

„Aber wieso … ich dachte du und Dores … ich verstehe nicht.“

„Dores? Was hab ich denn mit Dores zu schaffen?“

„Das ist ja jetzt nicht so wichtig. Tom, ich liebe dich auch … als einen Freund, verstehst du? Es ist keine gute Idee, Freunde anzubaggern, weißt du? Ich will nicht verlieren, was wir haben, denn das ist mir wirklich wichtig. Du bist mein bester Freund. Verstehst du?“

Es war immer die wahrscheinlichere Antwort gewesen. Und trotzdem schmetterte sie mich völlig nieder. Ich war den Tränen nah.

„Na danke. Als einen Freund. Fuck.“

Sie versuchte mir über das Haar zu streicheln, aber ich wehrte ihre Hand fast wütend ab.

„Ich versteh dich nicht, Tom, warum tust du das jetzt? Ist es wegen Chris? Hast du Angst vor ihr? Du glaubst doch nur, dass du in mich verliebt bist. Wieso plötzlich jetzt diese Offenbarung? Wir leben über zwei Jahre zusammen und das ist dir nicht einmal vorher eingefallen?“

„Ehm … hallo? Erinnerst du dich vielleicht daran, dass du mir damals in Bobs Zimmer gesteckt hast, dass wir nie mehr als Freunde sein werden? Und dann wunderst du dich, wenn ich nichts mehr unternehme?“

„Ja … aber wenn es dir wirklich wichtig war, dann hättest du dich doch wohl darüber hinweggesetzt, oder nicht? Bitte Tom, mach doch jetzt nicht unsere Freundschaft hier kaputt. Ich will nicht, dass sich zwischen uns was ändert. Ich brauche dich. Ich will, das alles so bleibt, wie es ist.“

„Und wie es mir dabei geht, ist dir egal? Na klasse. Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie es ist, mit dem Menschen den man liebt, auf engstem Raum zu leben und doch nicht mit ihm zusammen zu sein? Manchmal habe ich es gut ertragen und manchmal möchte ich von einer Brücke springen. Und du willst behaupten, du hast nicht einmal mitbekommen, was du mir antust?“

„Was heißt denn antust? Ich habe dir doch überhaupt nichts getan.“

„Lass das Dir weg und dann passt das. Du hast überhaupt nichts getan. Ist auch egal jetzt. Du hast dich nie für mich interessiert und wirst es niemals tun, das hast du mir ja nun deutlich zu verstehen gegeben. Danke für die klaren Worte.“

„Das stimmt doch gar nicht, am Anfang hab ich mir das schon vorstellen können, aber du hast dann ja nichts gemacht.“

Die Art wie sie die Realität mit ihrer Sichtweise auf den Kopf stellte, ließ mich schwindeln.

„Es tut mir leid, Tom, aber dann hat sich unsere Beziehung in diese wunderbare Freundschaft entwickelt, die mir wichtiger ist, als alles andere. Ich kann dir nicht mehr geben, als ich schon tue.“

Ich schluckte meine Frage, was das denn sein sollte. Sie war jetzt eh entschlossen, reinen Tisch zu machen.

„Und selbst wenn ich mir vorstellen könnte, mit dir zusammen zu sein, ist da immer noch mein Problem. Und das wird sich auch nicht so schnell ändern. Ich bin nicht so wie Chris, oder Shirley, oder Gianna.“

Ich überhörte den letzten Namen geflissentlich, in der Hoffnung dass das keine Anspielung war.

„Unsinn, meinst du ich würde dir nicht genug Zeit geben, dich langsam an den Gedanken zu gewöhnen? Meinst du, du müsstest mit mir sofort ins Bett steigen, oder was?“

„Du verstehst nicht, was ich damit sagen will. Ich will dir nicht weh tun. Ich liebe dich … als einen Freund.“

„Wenn du das nochmal sagst, schrei ich.“

„Bedeutet dir unsere Freundschaft so wenig? Ich begreife nicht, wie du sie so aufs Spiel setzen kannst.“

„Okay, toll, bitte lass mich jetzt allein. Ich weiß, woran ich bin. Mehr wollte ich gar nicht wissen.“

Dazu schien sie allerdings noch nicht bereit.

„Tom, schau dich doch um, da sind so viele Frauen, die viel besser zu dir passen und auch … alles machen und so … du brauchst nicht mal weit zu gucken … Dores … sie dachte, das war deine Art mit ihr zu flirten.“

„Was?“

„Na wir dachten alle, du würdest mit Dores flirten …“

„Ich glaube es ja gar nicht. Was für ein himmelschreiender Unsinn. Was soll ich denn mit dieser verzogenen Göre?“

„Ist doch jetzt auch egal. Ich kann dir nicht geben, was du brauchst. Aber ich geb dir alles, was ich dir geben kann. Und wer weiß … nein, ich will dir jetzt keine falschen Hoffnungen machen. Wir müssen immer ehrlich miteinander sein, verstehst du? Das schulden wir uns als Freunde. Bitte, tu mir den Gefallen und schau dich nach jemand anders um. Vielleicht … ist Chris … du magst sie doch sehr, nicht wahr?“

„Komm, lass das bitte. Ich habe das vorhin völlig ehrlich gemeint: Ich liebe dich. Und trotzdem möchte ich jetzt dein Gesicht nicht mehr sehen. Merkst du immer noch nicht, wie sehr du mir weh tust?“

„Dann lass ich dich jetzt eben allein, wenn du das willst. Was soll ich denn machen? Lass uns später noch einmal über alles sprechen. Du bist viel zu aufgeregt. Wir müssen das in Ruhe klären.“

„Ich wüsste nicht, was es noch zu klären gäbe. Deine Ansage war klar genug.“

„Aber so ist es doch nun auch nicht. Was erwartest du denn von mir? Dass ich hurra schreie und in deine Arme springe? Als ich nach Hause kam, hatte ich einen Freund. Und jetzt habe ich nicht mal mehr das?“

„Und was soll das jetzt heißen? Was erwartest du von mir? Dass ich sage, okay, hätt ja sein können, dann lass uns wieder beste Freunde sein?“

„Das soll heißen, wenn ich dir wirklich so wichtig bin, kannst du mir doch wohl wenigstens genug Zeit erlauben, um mich mit der veränderten Situation auseinanderzusetzen.“

Das klang fast wie eine vage Chance. Aber von vagen Chancen hatte ich eigentlich schon gründlich die Schnauze voll. Und trotzdem …

„Du willst Zeit? Ich geb dir alle Zeit der Welt.“

„Nein, das will ich auch nicht, dass du dir jetzt Hoffnungen machst, die ich dir dann nicht erfüllen kann … verstehst du? So geht das auch nicht.“

„Ich glaube, wir sind jetzt beide ausreichend durcheinander, um das Gespräch hier abzubrechen. Wir kommen doch so nicht weiter.“

„Okay … Tom bitte … lass mich nicht im Stich. Ich brauche dich.“

„Im Stich … bitte, lass uns aufhören, bevor wir anfangen, uns zu hassen.“

„Ich könnt dich niemals hassen … bist du dir sicher, dass das, was du fühlst, wirklich Liebe ist?“

„Bin ich mir … ja, gottverdammt, ja, ich bin mir sicher. So sicher, wie ich mir die gottverdammte Seele aus den Leib heulen werde, sobald du dich dazu entschlossen hast, mich in endlich Ruhe zu lassen …“

„Tom … mach das doch jetzt nicht so dramatisch … das muss es jetzt nicht sein.“

Ich konnte nicht einmal mehr antworten. Ich wartete stumm und wie betäubt darauf, dass sie das Zimmer verließ. Sie weinte, als sie schließlich doch meinem Wunsch nachkam und verschwand.

***

Die angekündigten Tränen auf meiner Seite blieben erstaunlicherweise aus. Meine Kehle war wie zugeschnürt und alles was ich noch fühlte, war eine entsetzliche Leere. Nach einer halben Stunde Selbstmitleid und Selbstzweifel beschloss ich dann, mir richtig die Kante zu geben. Ich ging in den Falcon. Bob, Matthew und einige andere Bekannte von mir waren da. Das Schöne war, dass man unter Männern nicht erklären musste, warum man sich volllaufen lassen wollte. Und meist ist die Idee ansteckend. Ich habe nur wenige Erinnerungen an diese Nacht.

Ich weiß noch, dass wir nach dem Falcon zu Bobs Haus gingen. Ich knutschte mit irgendjemand Weiblichem herum und musste dann kotzen. Und dann der totale Filmriss.

Ich war völlig desorientiert, als ich die Augen öffnete. Die Decke sah bekannt genug aus, um mich erst einmal nicht zu alarmieren. Erst als ich merkte, dass jemand neben mir leise schnarchte, bekam ich mit, wo ich war. Das war Julies altes Zimmer. Neben mir lag Ann, das letzte verbleibende Flower-Power Kind. Mir war noch immer etwas übel und mein Kopf schien kurz vorm Platzen. Ich war nicht nackt, wie ich erleichtert bemerkte.

Ich hatte durchaus die Gelegenheit mich leise davonzustehlen. Aber der Gedanke daran, mit diesem Schädel nach Hause zu laufen, war nicht unbedingt verlockend. Verfluchter Alkohol. Wir würden wohl nie Freunde werden. Ächzend sank ich ins Bett zurück. Durch meine letzte Bewegung wurde sie wach. Sie lächelte freundlich.

„Guten Morgen. Du siehst schrecklich aus. Hier, trink etwas Wasser, du bist ja total dehydriert.“

„Morgen. Wenn du jetzt Kopfschmerztabletten hast, heirate ich dich. Oder sind wir vielleicht schon verheiratet? Ich hab keinerlei Erinnerungen an letzte Nacht.“

„Du hast dir erst die Seele raus gekotzt und bist dann hier in meinem Bett eingeschlafen. Da blieb recht wenig Zeit für irgendwelche bourgeoisen Riten. Du kriegst deine Kopfschmerztablette auch ohne Eheversprechen. Hier, aber besser wäre es, wenn du vorher was essen würdest. Soll ich uns Frühstück machen?“

„Essen ist so ziemlich das Letzte, was ich mir vorstellen kann. Ich hoffe, ich habe dich nicht noch unsittlich berührt?“

„Nein, das war alles sehr sittsam. Du hast mir unter den Rock gefasst, als wir uns geküsst haben, aber nach deinem Abgang aufs Klo, wo du fast eine Stunde zugebracht hast, war mit dir rein gar nichts mehr anzufangen.“

„Tut mir echt leid. Ich trinke selten und vertrage noch weniger.“

Sie lächelt freundlich und stand auf. Sie hatte nackt geschlafen. Für eine Frau ihres Alters hatte sie sich prächtig gehalten.

„Was schaust du mich denn so an?“

„Du bist wunderschön.“

„Ja, ich weiß. Das hast du mir gestern auch schon gesagt. Und hunderte Männer vor dir.“

„Hunderte, hm? Respekt.“

„Es ist immer noch genau so aufregend wie beim ersten. Glaubst du man ist weniger geil, wenn man älter wird? Nur die Gelegenheiten werden seltener.“

„Ich fürchte dieser Morgen wird nicht zu diesen zählen, es sei denn, diese Kopfschmerztablette ist auch gut gegen emotionale Katerzustände.“

„Du hast dich wegen einer Frau besoffen, nicht wahr? Du machtest den Eindruck, also ob du jemanden ersäufen wolltest. So, wie ich dich einschätze war es eine Frau, die dir wichtig ist?“

„Ja … meine beste Freundin … die zufällig auch noch die Frau ist, die ich liebe.“

„Ich verstehe. Ich persönlich könnte mir nichts Besseres vorstellen, als eine echte Freundschaft als Basis für eine Beziehung zu haben. Ich mach uns jetzt einen Tee.“

Sie zog sich rasch an und lief in die Küche hinunter. Ich wartete verzweifelt darauf, dass endlich die blöde Pille wirkte. Sie kam mit Tee und Toastbrot und nervte mich so lange, bis ich etwas zu mir nahm. Wir unterhielten uns sehr angeregt. Bob kam hinzu und ein wenig später auch Kyoko. Anscheinend war Anns Zimmer jetzt der Treffpunkt für die Hausbewohner geworden. Bobs rothaarige Geschäftspartnerin war bei der Arbeit.

Die Pille wirkte tatsächlich verblüffend gut. Als ich gegen drei Uhr nachmittags das Haus verließ, war ich bereits wieder einigermaßen hergestellt. Ich hatte auch richtig Hunger und kaufte mir auf dem Heimweg Chips und eine Frühlingsrolle. Die Chips, also frittierte Kartoffelspalten und nicht das was wir hier als Chips kennen, waren so ziemlich die am besten schmeckenden in Camden. Gut, man bekam davon am nächsten Tag Pickel, aber das nahm man für den Geschmack in Kauf.

Als ich zu Hause ankam, hatte ich tatsächlich bereits alles aufgegessen. Sara war schon zu Hause und werkelte in der Küche herum. Zögernd setzte ich mich dazu. Irgendwann musste ich ja ausloten, wie wir jetzt miteinander umgehen würden.

„Da bist du ja. Wir haben uns schon alle Sorgen um dich gemacht.“

„Wieso, Matthew wusste doch, wo ich war.“

„Du sollst richtig betrunken gewesen sein.“

„Alles nur Gerüchte. Was kochst du denn Schönes?“

„Pasta.“

Wer hätte das gedacht. Sie schnitt einige Zwiebeln mit ausgestreckten Armen.

„Das hilft glaube ich auch nichts.“

„Mir schon. Isst du mit? Es ist genug für zwei von allem da.“

„Ich hab gerade eine Tüte Chips und eine Frühlingsrolle auf dem Weg gegessen, aber danke für das Angebot.“

„Ich packe den Rest in den Kühlschrank, falls du später noch Hunger kriegst. Ich bin … froh.“

Ich zündete mir eine Zigarette an.

„Froh?“

„Dass wir normal miteinander umgehen können, meine ich.“

„Du findest das hier normal?“

„Ja, finde ich. Ich hab lange über das, was du mir gestern gesagt hast, nachgedacht. Vielleicht war ich ja wirklich nicht aufmerksam genug und hab dir mit meinem Verhalten unabsichtlich weh getan. Das wollte ich nicht.“

„Ist schon okay. Ich war einfach nur enttäuscht. Ich wollte dich nicht so blöde anblaffen.“

„Ich will dich nicht enttäuschen. Und ich meinte, was ich gestern gesagt habe. Ich kann dir nichts versprechen, aber ich verspreche dir zumindest, dich jetzt auch wieder mit anderen Augen zu betrachten.“

„Was soll das heißen; darf ich dir jetzt offiziell den Hof machen, oder was?“

„Erst, wenn du mir einen Zauberring bringst. Und wenn du mich zu sehr drängst, machst du alles kaputt. Prinzessinnen haben eine sehr delikate Natur, weißt du?“

Ich hätte mich ja eigentlich über diese Konzession freuen müssen. Aber der gestrige Nachmittag war noch zu frisch in meinem Gedächtnis. Sie hatte sich in fast drei Jahren nicht in mich verliebt. Warum sollte sie es jetzt tun? Ich würde natürlich mitspielen, aber wirkliche Chancen rechnete ich mir nicht mehr aus.

„Dores ist auch nicht gut drauf. Das war wie eine Demütigung für sie. Du weißt doch, wie stolz sie ist. Da wirst du einiges graderücken müssen.“

Ich? Was hatte ich denn angestellt, außer blind gewesen zu sein? War das nicht auch genau Saras Entschuldigung?

„Heute aber mit Sicherheit nicht. Ich wird jetzt auf mein Zimmer gehen und einen Spliff nach dem anderen rauche und versuchen, wieder runterzukommen.“

Ich verhielt mich genau so, wie angekündigt. Sie nicht so unbedingt. Jedenfalls gab es keine äußerlichen Anzeichen dafür, dass sie mich irgendwie anders betrachtete, als zuvor. Da sie mich aber zur Geduld verpflichtet hatte, hakte ich nicht nach.

Matthew hatte seine „Selbst-ist-der-Mann“-Philosophie vom Bierbrauen und Wein ansetzen nun auch auf Grass erweitert. Zu diesem Zwecke funktionierte er zusammen mit Keylam und einem anderen Freund unseren Dachboden in ein Gewächshaus um. Rasch wuchsen die unter Strahlern gezogenen Pflänzchen und verbreiteten einen tollen Geruch, wenn man dort hinein kam.

Da es aber immer noch weit von einer Ernte entfernt war, mussten wir uns bis auf weiteres anderswo eindecken. Das tat ich über meine Mittel hinaus, denn um diese unerträgliche Spannung über den Verlauf meiner Geschichte mit Sara halbwegs ertragen zu können, schlug ich täglich richtig zu, Dope, Pillen und auch meine Falcon-Abende waren deutlich teurer als gewöhnlich. Ich dachte nicht großartig drüber nach, ich war eh mehr gefühlsgesteuert in diesen Tagen.

Chris kam eines Tages in meiner Abwesenheit vorbei und unterhielt sich wohl eine Weile mit Gianna. Einerseits war ich traurig, sie verpasst zu haben, andererseits froh. Schließlich war da durchaus die Gefahr, dass ich das zarte Pflänzlein der Romanze mit Sara, so wenig lebensfähig es ohnehin auch wirkte, mit einem Einlassen auf Chris für immer zu zertreten.

Ich übernachtete öfter mal in Bobs Haus, vornehmlich bei Ann, aber ich schlief nicht mit ihr, aus genau denselben Gründen. Wir hatten uns angefreundet. Sie konnte stundenlang witzige und interessante Geschichten aus ihrem Leben erzählen, die unter anderem auch Affären mit diversen Rockstars und anderen Berühmtheiten enthielten.

„Ich finde, du solltest ausziehen, dir was Eigenes suchen. So, wie das im Moment läuft, wird das nie was. Sie wird dich immer als den vertrauten Freund, mit dem sie zusammen wohnt, betrachten.“

Ich reichte Ann den Spliff und betrachtete sie nachdenklich.

„Da hast du vielleicht Recht. Aber das ist nicht so einfach. Ich bin eh schon total pleite. Ich weiß nicht mal, wie ich meinen Anteil der Miete in diesem Monat zahlen soll, ich hab die Knete sauber verkifft und versoffen.“

„Ich hab auch nicht viel, sonst könnte ich dir was leihen. Aber du kriegst das schon irgendwie hin. Denk mal drüber nach.“

Das tat ich dann auch tatsächlich. Zunächst war da aber das Problem mit der Miete. Ich hatte zwischenzeitlich schon ein paar von meinen Effektgeräten und die Vierspurmaschine versetzt. An einem strahlend blauen Morgen nahm ich meinen Verstärker und meine Gitarre und brachte sie in den Second-Hand Shop, wo ich sie auch herbekommen hatte.

Es war auch eine symbolische Handlung. Ich war von meinen Träumen von einer Musikerkarriere eigentlich längst kuriert, meine Bandprojekte waren auch im Nirgendwo verlaufen. Ich konzentrierte mich kreativ nur noch aufs Schreiben. Ich gab Sara, die für die Übergabe der Miete an unseren Vermieter zuständig war, kommentarlos meinen Anteil. Bei ihrem nächsten Aufenthalt in meinem Zimmer bemerkte sie allerdings sofort, dass etwas fehlte.

„Wo ist denn deine Gitarre? Hast du sie bei Bob im Studio gelassen?“

„Nein, verkauft. Den Verstärker auch. Ich war pleite und hätte sonst die Miete nicht zahlen können.“

„Oh nein, das darfst du nicht tun! Das ist deine Gitarre. Warum hast du denn keinen Ton gesagt, dass du knapp bist, ich hätte dir doch aushelfen können? An wen hast du sie denn verkauft?“

„An den Shop, wo ich sie auch herhatte. Ist egal, ich hab eh kaum noch gespielt. Ich brauch auch ein wenig extra, denn ich hab vor, mir eine eigene Wohnung zu suchen.“

„Was?“

„Komm, es wird so nichts. Ich weiß, du gibst dir alle Mühe, um sensibel auf mich zu reagieren, aber die Wohnsituation macht das zu einem aussichtslosen Unterfangen. Ich kündige dir damit nicht unsere Freundschaft auf, oder will damit unser „erneutes Kennenlernen“ unterbinden, im Gegenteil, ich will damit bessere Voraussetzungen schaffen, verstehst du?“

„Ich fühle mich, als ob ich dich hier rausekle. Dein schönes Zimmer, sowas kriegst du für den Preis doch nie wieder. Weißt du, wie teuer Ein-Zimmer Apartments hier in der Gegend sind?“

„Ja, ich hab mir schon das „Loot“ besorgt und schau mir morgen zwei an. Ich hab auch die ersten Bewerbungen für Jobs rausgeschickt. Immerhin wird es langsam Zeit, dass ich mein Leben auf die Reihe kriege und die Ausbildung habe ich schließlich auch nicht gemacht, um dann weiter auf der Dole zu leben.“
Das „Loot“ war ein wöchentlich erscheinendes Kleinanzeigenmagazin für London. Sie nickte verstehend.

„Das find ich auch gut … du wirst mir hier trotzdem fehlen. Überstürze doch nichts. So eilig ist es doch alles nicht, oder?“

Da hatte sie natürlich Recht. Es war nicht eilig und dennoch war es höchste Eisenbahn. Die ersten beiden Zimmer, die ich ansah, waren aber für ihre Größe völlig indiskutabel teuer. Als ich nach den frustrierenden Besichtigungen zurückkehrte, stand meine Gitarre wieder in meinem Zimmer.

Ich war fassungslos. Ich hatte das Teil für hundertfünfzig Pfund verscherbelt. Der Ladenbesitzer hatte vermutlich fünfzig, wahrscheinlich aber deutlich mehr zum Verkauf aufgeschlagen. Wert war sie mehr als das Doppelte. Für Sara, die wirklich nicht gut verdiente, keine geringe Menge Geld.

Sie lächelte glücklich, als ich sie in ihrem Zimmer aufsuchte.

„Jetzt ist dein Zimmer wieder komplett. Na bis auf den Verstärker, aber so viel Geld hatte ich nicht.“

„Du bist echt verrückt. Erst einmal Danke, aber das hättest du nicht tun sollen. Ich wollte eigentlich gar nicht mehr Gitarre spielen.“

„Das glaube ich nicht. Das ist jetzt eine Phase, aber du wirst mit Sicherheit wieder auf den Geschmack kommen. Und dann hättest du dich darüber geärgert, die Gitarre weggegeben zu haben. Sie gehört zu dir. Kein anderer kann sie spielen wie du.“

Sie hatte schon Recht und ich hatte auch das Gefühl, dass ich sie jetzt behalten musste, weil sie eine tiefere symbolische Bedeutung bekommen hatte. Ich umarmte sie noch einmal zum Dank.

„Dafür nicht. Du hast so viel für mich getan, mich damals aufgenommen und all das. Ich vergesse sowas nicht. Wie … haben dir die Zimmer gefallen?“

Ich erzählte ihr von den Löchern, die da als Wohnungen durchgehen sollten. Sie wirkte erleichtert, dass es noch nicht geklappt hatte. Vielleicht glaubte sie, ich würde auch hier meine Meinung ändern, wenn ich sah, dass es im Moment noch keine guten Alternativen gab. Bob deutete an, dass die rothaarige Dame sich mit Auszugsgedanken trug. Aber ich wollte auch endlich nach den ganzen WGs meine Ruhe haben, mich auf das, was ich tat, konzentrieren können. Ich würde weitersuchen.

***

Die ersten richtig warmen Tage luden zum Sonnenbaden auf dem Flachdach ein, also verlagerten sich unsere sozialen Zusammentreffen dorthin. Die beiden Männer und ihre Freunde brachten eh jede Menge auf dem Dachboden zu, nicht nur wegen den Pflänzchen, wie ich erfahren sollte. Irgendwann steckte mir Matthew, dass es dort einen Zwischenboden gab, der höchst interessant war.

Als ich eines Nachmittags allein auf dem Flachdach gewesen war, nahm ich mir das Ding in Augenschein. Es war relativ dunkel. Genau so aber wurde der Lichtschein im Boden sichtbar, kam ein kleiner Lichtstrahl hervor, in dem Staubkörnchen tanzten. Ich legte mich auf den Boden und sah, dass es ein Guckloch war, mit dem man ins Badezimmer gucken konnte. Erst fand ich das ein bisschen wie einen versetzten Jungenstreich. Es natürlich klar, dass sie unsere Mädels angespannt hatten.

Nach längerem Nachdenken fand ich es aber nicht okay. Ich musste insbesondere an Sara denken. Nicht auszudenken, wie das ihr Männerbild beeinflussen würde, wenn sie es herausbekam. Und auch Dores und Gianna wären vermutlich nicht begeistert gewesen. Ich sah mir die Sache im Badezimmer an. Das Loch befand sich dort, wo einmal eine Lampe aufgehängt gewesen war, jetzt hing dort noch eine Fassung, die wir nicht nutzten, weil es noch zwei andere Beleuchtungskörper gab.

Es gab eine Abschlussplatte, die zuvor wohl auch das Loch verdeckt hatte. Ich schob sie kurzerhand wieder nach oben. Ich nahm mir vor, mit meinen Freunden darüber zu reden und ihnen zu stecken, dass dies nicht in Ordnung war. Zwei Stunden später wurde mir das aber erspart. Gianna wollte wohl gerade ein Bad nehmen, als Keylam die Blockierung von oben beseitigen wollte und mit einem Schraubenzieher runter drückte.

Gianna sah genau in diesem Moment nach oben, weil sie ein kratzendes Geräusch vernommen hatte. Sekunden später rannte sie die Treppe zum Dachboden hoch und Keylam kriegte eine Kostprobe ihres italienischen Temperaments, zudem noch eine kostenlose Schulung in italienischen Schimpfwörtern. Als er auch noch einen dummen Spruch wagte, kriegte er eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte.
Natürlich erzählte sie den anderen beiden Frauen davon. Sara stellte mich zur Rede.

„Warst du auch mit dabei? Hast du uns auch angespannt, wie die anderen?“

„Nein, habe ich nicht. Ich war derjenige, der das Loch geschlossen hat, als ich es entdeckt hatte. Aber ihr solltet euch nicht so darüber aufregen. Es sind Männer, gottverdammt, oder vielmehr, junge Burschen. Das ist schon fast ein selbstverständliches Klischee, das sie da erfüllen mussten.“

„Was heißt denn, nicht aufregen? Ich fühle mich … beschmutzt, in meiner intimsten Privatsphäre verletzt, verstehst du? Nicht, dass ich irgendwas im Bad tun würde, was sexy ist. Wie eklig sind die denn drauf, Mädchen beim Pinkeln zuzusehen? Ich finde das absolut widerlich. Gianna war kurz davor, Keylam richtig zu vertrimmen. Aber er ist es ja wohl auch nicht allein gewesen.“

„Ich kann dazu nichts sagen, denn ich weiß es wirklich nicht. Ich verstehe ja, dass ihr euch aufregt. Aber ich meine wirklich, ihr solltet das nicht überbewerten.“

Sie war so leicht nicht runterzubringen. Dores war auch ziemlich angefressen. Sie zog noch vor mir aus. Ich denke, die Gucklochgeschichte war für sie wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich hatte noch versucht, mich für die entstandenen Missverständnisse zu entschuldigen, aber das war bereits schon zu spät. Sie machte wieder auf unnahbar.

Es war schon fast am Ende des Sommers, als ich dann fündig wurde. Vielleicht vierhundert Meter von unserem Haus entfernt in einer Nebenstraße fand ich eine Einzimmer-Wohnung. Sie war möbliert mit fetten Samtsesseln nebst passendem Couchtisch, hatte ein französisches Bett und die eigenartigste Küche-Dusche Kombination, die von einer Bar aus den sechziger Jahren vom Rest des Zimmers abgetrennt war. Daneben fand dann ein großer Kleiderschrank Platz. Das Klo würde ich mir mit einer anderen Mietpartei teilen.

Was dem Zimmer aber einen besonderen Charme gab, waren die verglasten Flügeltüren, die in den Garten hinausführten, der tiefer als die Straße lag. Ein pflegeleicht gehaltener Garten mit einigen Bäumen, sehr viel Grasfläche und ein paar Rosenbüschen. Es hatte aber auch den Effekt, das im Vergleich zu meinem letzten eher kleine Zimmerchen größer erscheinen zu lassen. Der Teppich wirkte etwas psychodelisch und stammte wohl auch noch aus den Sechzigern.

Ich hatte dennoch sofort das Gefühl, dass ich mich dort wohlfühlen konnte. Und die Sache mit dem Garten war natürlich auch für Agatha optimal. Wir beschlossen nämlich, unsere Kinder zu trennen- als solche empfand ich die beiden Katzen. Oberon würde bei Sara bleiben, Agatha, die bald zum zweiten Mal entbinden sollte, würde in meine Obhut übergehen. Insgeheim überlegte ich, ob ich nicht eines oder zwei der erwarteten Kätzchen behalten würde. Den letzten Wurf hatten wir komplett wegegeben.

Früher als erwartet begann sie ihre Vorbereitung auf die Geburt und ich stellte ihr in meinem Zimmer eine Kiste mit Decken und Kissen hin. Irgendwie sah sie nicht gut aus, aber ich konnte mir vorstellen, dass auch für Katzen nicht alle Schwangerschaften gleich gut verliefen. Als ich eines Morgens aufwachte, hatte sie entbunden. Es waren alles Totgeburten und sie fraß eine davon vor meinen Augen.

Sie machte aber keinen Aufstand, als ich die glücklosen Kreaturen wegräumte und begrub. Sie blieb apathisch liegen. Als sie am zweiten Tag immer noch nicht fressen oder aufstehen wollte, brachten wir sie in eine Tierklinik. Dort behielt man sie zur Beobachtung. Man gab ihr ein Antibiotikum und sagte uns, wir sollten uns keine Sorgen machen. Am nächsten Abend riefen sie an und teilten uns mit, dass sie tot war.

Sie hatte sich neben der Schwangerschaft offensichtlich eine Geschlechtskrankheit eingefangen. Die Infektion war in ihrem geschwächten Zustand zu viel gewesen. Es traf mich ganz schön. Sara wollte mir Oberon überlassen, aber ich sah keinen Grund für dieses Opfer und er fühlte sich in dem Haus sehr wohl.

Ich brauchte kein Auto, ich konnte meine Sachen einfach nach und nach rüber tragen. Matthew half mir mit den schwereren Sachen und beglückwünschte mich zu der Wohnung. Auch Sara sah sie sich neugierig an und fand sie okay.

Die Tatsache, dass ich so nahe bei ihr wohnte, konnte uns beide nicht darüber hinwegtäuschen, dass nun ein gemeinsamer Abschnitt zu Ende ging. Ob es die Ouvertüre zu einem anderen war, war wirklich nicht absehbar. Ich schloss die Türe meiner neuen Wohnung und war zum ersten Mal seit meiner Ankunft vor mehr als drei Jahren wirklich allein in London.

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Posted by plusquamperfekt
2 years ago    Views: 545
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