Geteilte Welten Kapitel 1 - Tims Welt

Tim war gerade 17 geworden – und seine Freunde planten eine Überraschungsparty für ihn. Dass die Überraschung dann ganz anders ausfallen sollte als gedacht, ahnte bis dahin noch niemand….

Aber fangen wir von vorne an: Tims vollständiger Name war eigentlich Timotheus Bartholomeus von Hochbergen – nach seinem Ur-Ur-Großvater – doch das mochte er überhaupt nicht gerne hören. Tim war ja doch so viel einfacher! Nur, wenn sein Vater ihn mit dem ganzen Namen rief, wusste er, dass etwas im Busche war…
Tim war der einzige Sohn von Prof. Dr. Albertus Thimotheus von Hochbergen, einem angesehenen Wirtschaftswissenschaftler und Autor zahlreicher Bücher, und seiner Gattin Sybilla. Die Familie lebte in einer sündhaft teuren Villa und verkehrte in den höchsten Kreisen. Er besuchte die 11. Klasse eines Privatgymnasiums, und nach dem Wunsch seines Vaters sollte auch er studieren und die Unternehmensberatungsfirma seines Vaters übernehmen. Doch im letzten Halbjahr ließen Tims Leistungen in der Schule erschreckend nach; er interessierte sich mehr für seine Freunde und für „echte“, geile Parties, auf denen richtig was abgeht – nicht so „künstliche“, wie sie mehr oder weniger regelmäßig bei seinen Eltern stattfanden; einfach nur ohne krampfhaftes Getue abfeiern und Spaß haben, mit seinen Freunden abhängen und den Alltags-Schulstress vergessen.
Kurz und gut: Tim war auf eine Schiene geraten, die seinen Eltern überhaupt nicht gefiel. Auch seine so genannten „Freunde“ passten seinen Eltern gar nicht. Es waren keine Kommilitonen aus dem Gymnasium, sondern Jungs aus dem Ort, die um die Häuser zogen, und bestimmt auch ein Alkohol-, wenn nicht sogar ein Drogenproblem hatten. Doch das war Tim egal. Er wollte raus aus dem strengen Elternhaus und endlich sein eigenes Leben führen. Geld war Tim nicht wirklich wichtig – obwohl seine Eltern ja genug davon hatten und er bisher weiß Gott nicht schlecht gelebt hatte. Nun aber hatte sein Vater ihm jegliches zusätzliche Taschengeld gestrichen; wenn nicht seine Mutter ihm hin und wieder ein paar Euro zustecken würde, ginge es ihm ziemlich dreckig.

Drei Tage nach seinem Geburtstag, es war ein Freitag, traf sich Tim wieder nach der Schule mit seinen Freunden. „Hey Tim, alles im Lack?“, begrüßte ihn Marko, der ihn zuerst gesehen hatte. Marko war nur 3 Monate älter als er, er saß wie immer auf der Rückenlehne der Parkbank, die Füße auf der Sitzfläche. Irgendwie bewunderte Tim ihn: Punk-Frisur, der Kamm je nach Laune rot, grün, blau oder blond gefärbt, coole Klamotten, Turnschuhe… Tim selbst hatte sich nach der Schule leidlich aller Anzeichen seiner Schul-Uniform entledigt, Krawatte und Jackett verschwanden schnell in seinem Spind. Die obersten beiden Knöpfe seines weißen Hemdes hatte er geöffnet. Dennoch war ihm anzusehen, dass er eigentlich nicht so recht hier hin gehörte. Die glatt gekämmten Haare, das saubere Hemd, die Stoffhose, die schwarzen, polierten Schuhe – rein äußerlich war er keiner von den Anderen. Aber sie mochten ihn, und er fühlte sich wohl in diesen Kreisen. „Hi Marko! Wo sind denn Mike und Willy?“ „Die mussten noch schnell etwas erledigen, kommen gleich. Ein Bier?“ „Klar, gerne!“ antwortete Tim und fing die Dose auf, die Marko ihm zuwarf. „Warste in der Penne?“ fragte Marko und sah Tim von oben bis unten an. Tim nickte. „Was soll ich machen, zwischendurch muss ich mich ja doch mal dort blicken lassen“ antwortete er resigniert und nahm einen großen Schluck aus der Bierdose. „Ah, das tut gut!“ Marko grinste.

„Schau mal, da sind die Beiden ja!“ Von der anderen Seite näherten sich Willy und Mike. Mike trug einen alten Koffer, Willy hielt eine Palette Dosenbier in den Armen.
„Da seid ihr ja – wurde auch Zeit!“ meinte Marko und deutete auf die leeren Bierdosen im Papierkorb neben der Bank. Willy setzte –sichtlich erleichtert- die Palette ab, und Mike hob mit viel sagenden Blicken den Koffer auf die Parkbank. „Mach ihn auf!“ forderte er Tim auf. Tim blickte in die Runde; was wird das denn jetzt? Dann öffnete er den Koffer. Zum Vorschein kamen: eine Jeans, ein T-Shirt, und ein Paar noch ziemlich neu aussehende Turnschuhe. „Für Dich, damit Du nicht immer aussiehst wie so`n reicher Schnösel!“ grinste Mike. „Da hinter dem Busch kannste Dich umziehen.“ „Wo habt ihr die Klamotten denn her? Doch nicht etwa…“ setzte Tim an. „Nee, Ich hab mit meiner Mom meinen Schrank ausgemistet – müsste Dir
eigentlich passen.“ Stimmt schon, Mike hatte ungefähr Tims Statur… „Und die Latschen?“ Tim deutete auf die Turnschuhe. „Sind mir zu klein. Hab ich erst zweimal getragen“ antwortete Mike. „Ich lebe halt auf etwas größerem Fuß als Du!“ fügte er grinsend hinzu. Mit dankbarem Blick nahm Tim den Koffer und verschwand hinter dem Busch; doch ihm fiel auf, dass Marko ihm wohl hinterher sah. Schnell hatte er sich bis auf Slip und Socken ausgezogen und zwängte sich in die recht enge Jeans. Scheinbar war sie gerade frisch gewaschen worden…. Dann zog er das Shirt über und schlüpfte in die Schuhe. Sie passten wie angegossen! Seine Schulkleidung legte er ordentlich zusammen und verstaute sie im Koffer. Zum Schluss fuhr Tim sich noch schnell mit beiden Händen durch die Haare – fertig! Breit grinsend trat er hinter dem Gebüsch hervor und präsentierte sich seinen Freunden. Marko stieß einen leisen Pfiff aus. „Hey Alter, geil siehste aus! Jetzt passte zu uns!“ Noch während Tim damit beschäftigt war, den Koffer abzustellen, warf ihm Willy eine neue Dose Bier zu. Tim hatte Mühe, beides gleichzeitig zu bewerkstelligen, doch es gelang ihm. Genüsslich öffnete er die Dose und nahm einen Schluck. „Auf euch, Jungs – ihr seid Spitze!“
Es war Tim anzumerken, dass er sich in dieser Kleidung wesentlich wohler fühlte als in dem edlen Zwirn, den er aus der Schule und von zuhause gewohnt war.

Auch Tim setzte sich auf die Lehne der Bank, trank noch einen Schluck Bier und fragte dann: „Und – was ist noch so angesagt am Wochenende? Gibt’s irgendwo ne Party?“ Marko sprang von der Bank, und stellte sich vor ihn, wie ein Redner, dessen große Stunde nun gekommen war. „Jepp – Deine Birthday-Party! Heute Abend!“ Verblüfft sah Tim ihn an. „Eine Party? Für mich? Wie geil ist das denn? Wann? Wo?“ Er freute sich wie ein Schnee-König – dagegen würden alle Parties im Garten seiner Eltern bestimmt verblassen. „Jepp“, betonte Marko noch einmal, „heute Abend um Acht am Baggersee! Ich hoffe, Du hast zufällig Zeit?“ „Klaro! Jungs, ihr seid einsame Klasse!“ Tims Herz schlug bis zum Hals. Ein Problem gab es allerdings: Wie sollte er aus dem Haus kommen, ohne dass seine Eltern es bemerken? Mike schien seine Gedanken zu erraten. „Pass auf“, sprach er Tim an, „um halb acht warte ich mit dem Moped vor der Pizzeria von Paolos Vater auf Dich; Willy schellt dann an Eurer Haustür und läuft weg – dadurch sind Deine Eltern abgelenkt. Ich gehe mal davon aus, dass bei diesem Wetter Eure Terrassentür noch offen steht – dann brauchst Du nur durch die Lücke in der Hecke hinter Eurem Haus schlüpfen, bei mir aufspringen und schon biste weg!“ „Das passt!“ Tim war begeistert von der Idee – die Jungs hatten wirklich an alles gedacht! Mike (eigentlich Michael) war bisher der Einzige, der das Haus der von Hochbergens kannte – sein Vater war ein angesehener Geschäftsmann, und er hatte Mike einmal zu einer der Gartenparties in der Villa mitgebracht.
„Gepennt wird übrigens bei uns im Strohschuppen – Du brauchst Dich also nicht wieder ins Haus schleichen“ ergänzte Willy. „Hey, geil! Das wird ne Sause!“ freute sich Tim. Die Anderen grinsten breit.

Nach zwei weiteren Dosen Bier machte sich Tim – leicht angesäuselt – auf den Weg zurück zur Schule, den Koffer in seiner linken Hand. Nach Hause wollte er heute irgendwie heute nicht mehr – und er wusste, dass er auch außerhalb der Schulzeiten in den Spindraum gelangen konnte. Dort angekommen, öffnete er den Koffer, hängte seine Schulkleidung fein säuberlich in den Spind und wuchtete den leeren Koffer auf den Schrank. Tim dachte nach – wenn er jetzt hier bleiben würde bis…. dann hätte sich das Problem mit daheim ja von alleine erledigt und er könnte direkt an der Pizzeria auf Mike warten….genial! Ein Blick auf die teure Armbanduhr, die er zum Geburtstag von seinem Vater bekommen hatte – zehn nach sechs… also hatte er noch eine gute Stunde Zeit; das Gymnasium lag auch nur eine Viertel Stunde vom Treffpunkt entfernt. Noch einmal öffnete er seinen Spind, nahm ein Handtuch und Duschgel heraus und ging in den Duschraum der Sporthalle. Alles war menschenleer – der Unterricht war für heute schon längst beendet, und auch die Reinigungskräfte hatten die Schule bereits wieder verlassen. Trotzdem fühlte er sich irgendwie beobachtet, als er sich auszog und in die Duschwanne stieg. ‚Quatsch, Du bildest dir was ein’ sagte er zu sich selbst, schaute sich aber dennoch um. Es war niemand zu sehen. In Gedanken versunken sah er an sich herab, während das Wasser auf seiner Haut abperlte. Eigentlich sah er doch ganz gut aus – komisch, dass sich kein Mädchen so wirklich für ihn interessierte… vielleicht war er ja doch bisher in seiner Schule als Streber abgestempelt worden? Nach dem Unter-richt sah man ihn oft in der Bibliothek oder an einem der PC `s im Gruppenraum – immer auf der Suche nach Erklärungen, Erläuterungen und Kommentaren zum Unterrichtsstoff. Aber warum versuchte auch er nicht, sich an ein Mädchen heranzumachen? Könnte es einfach daran liegen, dass er Angst davor hatte, seinen Eltern nicht die „Richtige“ vorzustellen? Immerhin würden sie sicher gewisse Ansprüche an ihre „Schwiegertochter“ stellen….

Nachdem er sich gründlich abgeseift hatte, genoss Tim noch einmal kurz den warmen Strahl des Wassers aus der Dusche, trocknete sich ab und ging – nur das Handtuch um die Lenden gebunden und die Klamotten in der Hand – barfuss zurück zu seinem Spind. Sorgsam legte er die Kleidung auf der Bank ab, als würde es sich um seine Schulkleidung handeln, öffnete seinen Spind, entnahm eine Dose Deo und sprühte sich gründlich ein. Dann zog er sich an – nicht ohne wieder das Gefühl zu haben, beobachtet zu werden -, schaute in den Spiegel auf der Innenseite der Spindtür, zerzauste mit den Händen seine noch feuchten Haare und betrachtete sich eingehend. Plötzlich meinte er, im Spiegel einen Schatten erkannt zu haben… Schließlich schloss er seinen Schrank, sah noch einmal auf die Uhr…. inzwischen war es viertel vor sieben. Erneut schaute Tim sich um – und wieder glaubte er, einen Schatten gesehen zu haben. Unwillig schüttelte er den Kopf – Blödsinn, hier ist niemand! Tim trat aus dem großen Hauptportal der Schule und schlenderte gemütlich in Richtung Pizzeria. Inzwischen fühlte er sich wieder einigermaßen nüchtern; sicher auch ein Resultat seiner fixen Idee, noch einmal duschen zu gehen.

Giovanni, der Pizzabäcker, erkannte Tim schon von weitem. „Ciao Timo!“ rief er ihm zu, noch bevor Tim den Laden richtig betreten hatte. „Ciao Giovanni, come stai? “ Giovanni grinste. “Alles Paletti, Timo! Willst Du eine Pizza? Wie immer? Mit Schinken und Peperoni?“ „Nein danke, Giovanni, heute nicht. Ich warte hier nur auf Mike. Gibst Du mir bitte eine Cola?“ „Naturalmente – subito!“ Und schon hatte Giovanni ihm ein Glas Cola vor die Nase gestellt…. Über dem Backofen hing eine große Wanduhr – sie zeigte gerade mal zwanzig nach sieben, als Tim das vertraute Geräusch von Mikes Moped hörte. Mike hielt vor der Tür an, zog den Helm aus und nickte Giovanni kurz zu, der am Pizzatisch stand und durch die große Scheibe schaute. Giovanni drehte den Kopf zu Tim. „Ich glaube, Du wirst abgeholt! Geht ihr feiern?“ „Ja, die Jungs haben eine Geburtstagsparty für mich geplant“, antwortete Tim. „Du hast Geburtstag? Congratulazione! Die Cola geht natürlich aufs Haus!“ „Ich hatte – vor drei Tagen“ antwortete Tim. „Trotzdem – danke Giovanni! Bis bald!“ Damit verließ er die Pizzeria und ging zu Mike. „Hey, bist aber früh dran!“ „Na ja, ich möchte ja nicht Schuld sein, dass Du zu spät zu Deiner eigenen Party kommst! Steig auf und halt Dich fest!“

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Categories: First TimeGay Male
Posted by RayRainbow
9 months ago    Views: 1,737
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